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Ukraine : Der Kampf um Slawjansk

  • -Aktualisiert am

Die ukrainische Armee greift eine von pro-russischen Milizen errichtete Barrikade an Bild: dpa

Die geplante „Aufräumaktion“ des ukrainischen Militärs versetzt die Bevölkerung in Slawjansk in Angst und Schrecken. Die prorussischen Milizen verbarrikadieren sich in der Stadtverwaltung. Wenn der Gegner kommt, werden sie sich verteidigen.

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          An der Straßensperre neben der Futtermittelfabrik ein paar Kilometer nordwestlich von Slawjansk steigen auch am frühen Abend noch Rauchwolken von glimmenden Autoreifen auf. Ein beißender Geruch liegt in der Frühlingsluft. Rund 20 Männer von der separatistischen Miliz stehen in Tarnfleckkleidung herum und sind ratlos. Sie haben am Vormittag ihre eigene Barrikade angezündet, um ukrainische Panzer mit einer Wand aus Qualm daran zu hindern, weiter in ihre Richtung vorzudringen.

          Zwei ihrer Kameraden sind an diesem Tag ganz hier in der Nähe von den Ukrainern getötet worden. Der Landwirt Viktor, ein älterer Mann mit rußschwarzen Fingern und Militärkluft, kann es noch immer nicht fassen, wie er sagt. Heute morgen habe er doch noch mit seinem Freund Sascha telefoniert, sagt er und zeigt auf seinem billigen Mobiltelefon zum Beweis die Nummer des Toten. Alexander, kurz Sascha, Ljubljanets hieß der Mann, er kam aus dem Dorf Krestische gleich nebenan und hatte – wie viele aus der Gegend – geholfen, die Barrikade der prorussischen Milizen bei der Fabrik zu bewachen.

          Sie hatten von ukrainischen Truppenbewegungen gehört

          An diesem Morgen soll er mit einem anderen Mann namens Anton auf Patrouille gewesen sein. Die beiden waren wohl noch einmal losgezogen, weil sie von ukrainischen Truppenbewegungen gehört hatten, sagt Viktor. Als sie sich bereits wieder auf dem Heimweg befunden hätten, seien sie ohne Vorwarnung von Bewaffneten aus den Panzerfahrzeugen mit der ukrainischen Flagge erschossen worden. Ljubljanets starb gleich, der Tod des zweiten Mannes im Krankenhaus wurde am Nachmittag gemeldet. In Kiew war von fünf Toten gesprochen worden, was in Slawjansk jedoch niemand bestätigen wollte.

          Aus zwei Panzern mit ukrainischer Flagge heraus sollen die beiden Männer erschossen worden sein. Den ganzen Morgen schon machten Fotos und Videos von Panzern, die um die Stadt Slawjansk herum  bewegt wurden, in den Nachrichten die Runde. Viktor und seine Mistreiter sehen darin die angekündigte Fortsetzung der von Kiews Regierung angeordneten Antiterror-Einsatzes gegen die Separatisten. Später flogen auch zwei ukrainische Helikopter über ihrer brennenden Barrikade. Westliche Journalisten meldeten, dass die Helikopter auch Flugblätter abwarfen über Slawjansk und dem nahen Kramatorsk. Auf den Blättern wurde die Bevölkerung vor „russischen Terroristen“ gewarnt.

          „Die greifen uns heute noch an“

          Im Zentrum von Slawjansk ist an diesem sonnigen Tag die Anspannung zu spüren. „Was machen sie noch hier? Bringen Sie sich in Sicherheit!“, warnt eine Kioskverkäuferin die angereisten Journalisten. „Die greifen uns noch heute an.“ Doch selbst macht die Frau keine Anstalten, ihren Kiosk für Zigaretten und Knabbereien zu räumen. Die Meldungen über eine „Aufräumaktion“ des ukrainischen Militärs in der Stadt Slawjansk, die von Separatisten kontrolliert wird, verbreiten seit Tagen Angst. Doch das Leben geht gleichzeitig weiter.

          Vor der Stadtverwaltung, in der sich prorussische Milizen hinter einer Wand aus weißen Sandsäcken verbarrikadiert haben, hält Igor Krwatzow Wache. Er ist einzige Mann aus der Miliz des selbst ernannten Bürgermeisters Wjatscheslaw Ponomarjow, der seinen vollen Namen angeben will. Ich habe nichts zu verstecken, sagt er. Seit Tagen töteten die Leute vom „Rechten Sektor“ und nun auch ukrainische Militärs ihre Männer, klagt Krawtzow, ein groß gewachsener ehemaliger Soldat von 52 Jahren. Er spielt auf die Schießerei in der Osternacht an, bei der nach Angaben der Separatisten rechtsradikale ukrainische Kämpfer drei Männer an einer Straßensperre erschossen haben sollen. Der „Rechte Sektor“ bestreitet jedoch, im Osten des Landes überhaupt aktiv zu sein. Sie selbst, die Verteidiger von Slawjansk hätten keinen einzigen Schuss abgegeben und das Abkommen von Genf nicht verletzt, sagt Krawtzow. „Aber wir werden uns zur Wehr setzen,  wenn sie hierher kommen.“

          Moskau bestreitet weiterhin russische Einsatzkräfte

          Während er spricht, gehen grün uniformierte Männer mit Maschinengewehren und schwarzen Masken in dem Verwaltungsgebäude ein und aus. Sie ähneln den „grünen Männern“, die vereinzelt auch anderswo in der Stadt zu sehen sind und von denen Moskau weiterhin bestreitet, dass es sich um russische Einsatzkräfte handelt. Krawtzow ist es wichtig, den Idealismus seiner Kameraden zu unterstreichen. Anders als die Leute vom Majdan in Kiew verteidigten sie ihre Heimat nicht, weil sie dafür bezahlt würden. Obwohl die Militärs, die Radikalen und diese ukrainische Nationalgarde besser ausgestattet seien, werde man bis zum letzten Blutstropfen kämpfen.

          Der Volksbürgermeister Ponomarjow soll gegenüber Journalisten jedoch am Donnerstag angegeben haben, dass seine Leute neben Jagdwaffen. Pistolen und Maschinengewehre auch Granatwerfer hätten, wie die Internetnachrichtenseite Slavgorod.com.ua meldete.  „Wenn sie in die Stadt kommen, erwarten wir sie hier“, soll Ponomarjow demnach gesagt haben.

          Auch an diesem Tag breiten sich viele böse Gerüchte und Nachrichten in den Gesprächen der Menschen von Slawjansk aus. Eine zweite Schießerei soll es gegeben haben, an einer Straßensperre nicht weit entfernt von der Futtermittelfabrik. Dort vor Ort will aber keiner der Wachhabenden von Schüssen etwas gehört haben. Achselzucken bei den Männern von Ponomarjow.

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