https://www.faz.net/-gq5-86yya

Flüchtlinge in Ukraine : Erst einmal in Sicherheit

Ein Nest jenseits der Kämpfe: Flüchtlingskinder im ukrainischen Kramatorsk. Bild: Yulia Serdyukova

Nahe der Frontlinie im Donbass suchen viele Menschen Zuflucht auf Zeit. In der Ukraine spielt sich das derzeit größte Flüchtlingsdrama des Kontinents ab.

          6 Min.

          Als Erstes haben sich die Mädchen an der Gartenmauer ein Nest gebaut. Aus Decken und Tüchern, all den Schätzen aus den Säcken mit den Hilfsgütern, haben sie es zusammengetragen, und dann, während manchmal der Wind vom Übungsplatz entferntes Gewehrknattern herüberträgt, haben sie begonnen, das Häuschen mit Stricken und Fäden einzuspinnen wie einen Schmetterlingskokon. „Kinder vergessen eben leicht“, sagt Jelena Kosatschenko. Einmal war die fröhliche junge Frau Dolmetscherin für Französisch, aber das ist lange her. Seit Krieg herrscht, ist Kramatorsk, eine dieser ostukrainischen Industriestädte, in denen Maschinenfabriken, Gleisanlagen und graue Blockviertel ineinanderfließen wie Tintenflecke auf nassem Papier, nicht mehr wie es war.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Zuerst, als die Donbass-Separatisten mit russischer Hilfe ihre Stadt im vergangenen Jahr für ein paar Monate eroberten, floh Jelena in den unbesetzten Teil des Landes. Nachdem die ukrainische Armee im Juli 2014 Kramatorsk zurückgewann, ist sie wiedergekommen, und seither ist alles anders. Ein paar Dutzend Kilometer vor der Stadt liegt die Front, jeden Tag wird geschossen. Die Maschinenfabrik arbeitet auf Sparflamme, und zugleich lassen sich nach einer Mitteilung des ukrainischen Sozialministeriums vom Juli immer noch jeden Tag mehrere tausend Menschen aus dem von Russland unterstützten Separatistengebiet im unbesetzten Teil des Landes als Flüchtlinge registrieren, und nicht wenige kommen zuerst hier an, auf ihrem Weg ins Ungewisse.

          Es wird versucht, jedem der kommt, zu helfen.

          Wie viele es insgesamt sind, ist nicht klar, weil viele bei Freunden und Verwandten unterkommen, und es nach Einschätzung des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR eine hohe Dunkelziffer gibt. Die letzten offiziellen Daten nennen jedenfalls 1,4 Millionen Binnenvertriebene. Fast unbemerkt von Europa vollzieht sich damit mitten auf dem Kontinent ein Flüchtlingsdrama von einem Ausmaß, das es hier seit den Balkan-Kriegen der neunziger Jahre nicht mehr gegeben hat.

          Jelena und ihre Freunde haben nicht lange gezögert als sie wieder daheim waren. Sie gehören zu einer freikirchlichen evangelischen Gruppe, und schon während der vorübergehenden Besetzung ihrer Stadt durch Separatisten vor einem Jahr war es für sie klar, dass sie helfen mussten. Jeden Tag hat Sergej Chumenko, der junge Pastor der Gemeinde, damals unter Lebensgefahr im eigenen Auto Menschen über die Frontlinie hinaus ins ukrainisch gehaltene Territorium gebracht, wenn sie es nicht mehr aushielten und einfach nur noch weg wollten. Als dann die Separatisten vertrieben waren, als über die nahe Frontlinie die ersten Flüchtlinge kamen und es niemanden gab, an den sie sich wenden konnten, haben Sergej, Jelena und ihre Freunde ihr Gemeindezentrum, ein einstöckiges, leicht baufälliges Ziegelhaus namens „Tempel des Heiligen Geistes“, kurzerhand in ein Auffanglager umgewandelt.

          Oft nehmen nur Frauen und Kinder das Angebot an

          Aus dem Garten hinter dem Haus, wo jemand aus Latten eine Volleyballfeld und ein paar Schaukeln zusammengezimmert hat, tönt Kindergeschrei, als herrschte nicht Krieg in Kramatorsk, sondern blühender Friede. Sergej und die Männer der Gruppe holen immer noch fast jeden Tag ganze Familien aus dem Kriegsgebiet. Dann geht es um fünf Uhr früh los, und während manchmal links und rechts die Granaten einschlagen, laufen sie in den vergessenen Dörfern zwischen den Linien von Haus zu Haus. Jedem, der möchte, bieten sie an, ihn in Sicherheit zu bringen.

          Weitere Themen

          Weiße Armbänder sind ihr Zeichen

          Opposition in Belarus : Weiße Armbänder sind ihr Zeichen

          Zehntausende Belarussen wollen eine Veränderung und haben sich der Opposition angeschlossen. Doch Präsident Lukaschenka scheut nicht vor Repressionen zurück. Kann die Aufbruchstimmung bei der Wahl am Sonntag trotzdem zum Sieg führen?

          Topmeldungen

          Tichanowskaja abgetaucht : Wieder Gewalt in Belarus

          Bei Protesten in Belarus sind Sicherheitskräfte neuerlich mit Blendgranaten und Tränengas gegen Demonstranten vorgegangen. Ein Mensch starb. Der Geheimdienst behauptet derweil, einen Angriff auf das Leben von Lukaschenkas Gegnerin verhindert zu haben.
          Die Polizei geht am Montag in Beirut gegen Demonstranten vor, die gegen die Regierung protestieren.

          Proteste gegen Regierung : Libanons skrupelloses Machtkartell

          Seit vielen Jahren plündert eine korrupte politische Klasse ungestört den Libanon aus. Auch der Rücktritt der derzeitigen Regierung wird daran nichts ändern. Selbst Todfeinde verbünden sich für den Machterhalt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.