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D-Day : Wir waren doch Waffenbrüder

In der Normandie sucht der mit einer unerwarteten Krise konfrontierte Westen Halt an alten Erzählungen. Doch welche Lehren zieht er aus der Geschichte? Denn Putin begnügt sich nicht mit Gedenkfeiern und der bloßen Erinnerung an imperiale Größe.

          Fragt man deutsche Jugendliche danach, wann der Zweite Weltkrieg begann, dann kann man schon froh sein, wenn sie nicht 1914 sagen. Und Hitler nicht mit Honecker verwechseln. Und das, obwohl (oder weil?) Lehrpläne, Fernsehkanäle und Buchhandlungen überquellen mit Vergangenheit. Doch die junge Generation lebt nicht mehr im Schatten der Kriege des vorigen Jahrhunderts. Es gibt keine „Erbfeindschaften“ mehr. Die kriegsversehrten Männer sind aus den Straßen verschwunden. Die Grenzen halten niemanden mehr auf. Und kaum noch ein Opa kann vom Krieg erzählen. Wenn, dann müsste er seine Erlebnisse über „WhatsApp“ oder „twitter“ verbreiten, um wahrgenommen zu werden. Dort aber dominieren ganz andere Themen die Konversation.

          Sollte diese Vergangenheit doch vergehen wollen? Das werden Heerscharen von Mahnern zu verhindern wissen, die mit Recht, aber auch mit einer gewissen Vergeblichkeit darauf beharren, dass aus der Geschichte gelernt werden muss. Verbündete finden sie in den Staatsoberhäuptern, die sich alle Jahre wieder an historischen Orten versammeln, um daran zu erinnern, welch’ unermessliches Leid der Mensch über den Menschen bringen kann; welche Opfer nötig sind, um es zu beenden; und wie teuer den weniger werdenden Überlebenden wie den nachwachsenden Generationen der Friede und die Aussöhnung sein müssen, die, von weitsichtigen Staatsmännern vorangetrieben, aus den Schlachtfeldern erwuchsen.

          In der Normandie treffen sich heute zu diesem Zweck 19 Staats- und Regierungschefs. Vor siebzig Jahren landeten dort die Alliierten und eröffneten die „zweite Front“ gegen Hitler. Mit der Invasion war die Niederlage der Wehrmacht und damit auch das Ende des Nazi-Regimes besiegelt, selbst wenn es sich noch ein Jahr halten konnte. Für die Westmächte stellte die „Operation Overlord“ dar, was für die Russen Stalingrad war: der sichtbare Wendepunkt in einem von Hitler entfesselten Krieg, der aus heutiger deutscher Sicht nicht gewonnen werden durfte und konnte, weil er ein verbrecherischer war. In den ersten Kriegsjahren aber waren sich nicht nur die Engländer dessen noch nicht so sicher. Sie hielten es für möglich, den Krieg zu verlieren. Erst das – ungewisse – Gelingen der Invasion nahm ihnen endgültig die Furcht, es könnten Landungsboote an ihrer Küste auftauchen.

          Für die Westalliierten ist der 6. Juni ein Tag der Trauer um die Opfer, aber auch ein Tag des Stolzes. Er steht für einen militärischen Triumph in einem Krieg, in dem die Rollen von Gut und Böse klar verteilt waren, weswegen die Kriegsverbrechen der „Guten“ auch lange Zeit nicht thematisiert wurden.

          Aber was sind die vielfach bemühten Lehren aus dem damaligen Geschehen? Die Antworten darauf fallen höchst unterschiedlich aus, jedenfalls in Deutschland. Sie reichen von radikalpazifistischen Positionen bis zu der Meinung, einem Diktator wie Hitler dürfe man sich nicht erst dann in den Weg stellen, wenn er schon den halben Kontinent erobert habe. Freilich scheitert diese Geschichtsstunde bereits daran, dass es keinen zweiten Diktator wie Hitler gibt, weil es ihn nie wieder geben darf. Doch was ist mit weniger dämonischen, aber dennoch gefährlichen Aggressoren? Wann erzwingt deren Handeln eine militärische Reaktion? Welche Verletzung von Regeln und Grenzen ist noch hinnehmbar, welche nicht mehr? Wo hört die „Besonnenheit“ auf, wo fängt das Appeasement an?

          Die Autokraten und Despoten dieser Welt wussten schon immer, die Abneigung der Demokraten gegen den Krieg zu nutzen. Dabei unterliefen ihnen auch Fehlkalkulationen. Doch im Regelfall sind die pluralistischen Staaten des Westens nicht schwer auszurechnen. Einer entschlossenen und schnellen Aktion wie der Griff des Kremls nach der Krim, der innerhalb von Tagen vollendete Tatsachen schuf, haben sie nichts entgegenzusetzen – schon gar nicht, wenn die Begleitpropaganda auf fruchtbaren Boden fällt. Putin wusste, dass die Nato wegen der Krim nicht zu den Waffen greifen würde. Dass ihm aus dem Westen aber sogar Verständnis und Bewunderung entgegenschlugen, muss für ihn ein innerer D-Day gewesen sein.

          Und so gesellt sich der russische Präsident in der Normandie als Sieger von heute unter die Siegermächte von gestern, die Halt an alten Erzählungen suchen und sich in der aktuellen Krise an den Gedanken klammern, dass man immerhin vor siebzig Jahren übereinstimmende Interessen hatte. Die Einbeziehung Putins in dieses Ritual ist ein Zeichen dafür, dass der Westen immer noch auf den Mythos ehemaliger Allianzen und auf das Prinzip Hoffnung setzt: Wir waren doch einmal (Waffen-)Brüder. An der Küste der Normandie führen die Westalliierten dem russischen Präsidenten vor, wie sie im 21. Jahrhundert früherem Ruhm und untergegangenen Reichen nachtrauern – mit Gedenkfeiern, nicht mit neuen Invasionen. Putin aber will und kann sich damit nicht begnügen, weil er Russland nicht viel anderes zu bieten hat als den Traum von alter imperialer Größe. Für Moskaus Nachbarn jedoch ist das ein wiederkehrender Albtraum, den auch ihre Jugend noch kennt. Die D-Days, an denen ihre Befreiung von Besatzung und Fremdherrschaft begann, sind erst fünfundzwanzig Jahre her.

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