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D-Day-Übung : Das vergessene Desaster

Wenige Wochen vor dem D-Day probten 30.000 alliierte Soldaten die Landung an der englischen Küste. Mindestens 749 von ihnen starben bei „Exercise Tiger“. Überlebende wurden nach der großen Tragödie lange eingeschüchtert. Nun erzählen sie.

          Es war ein Freitag, kurz vor Weihnachten 1943, als Reg Hannaford von der Schule heimkehrte und seine Eltern sagten: „Wir müssen weg.“ Sechs Tage gab ihnen die British Army, um die Metzgerei im Ortszentrum zu schließen und die Sachen zu packen. Der Krieg war nach Torcross gekommen, wenn auch ein Krieg ohne Feind. Erwartet wurden die Verbündeten aus Amerika. Sie wollten „D-Day“ vorbereiten. „Niemand ahnte damals, wie tödlich so eine Übung enden kann“, erinnert sich Hannaford.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Als Hannaford in Sicherheit gebracht wurde, war er 13 Jahre alt, neun Jahre älter als der Zweite Weltkrieg. So wie ihm erging es damals vielen Dorfbewohnern im Süden der Grafschaft Devon. Die Invasion der Alliierten im besetzten Frankreich war für den kommenden Frühsommer geplant, und weil die Kanalküste von Devon dem Landungsziel topographisch ähnelte, war die Wahl auf Slapton Sands gefallen, dem Strand von Torcross.

          Eine vermeidbare Tragödie

          Elf Monate lang wurde die Gegend zu einem militärischen Sperrgebiet, auch wenn sich die Kinder, die auf Höfen jenseits der Zone untergekommen waren, manchmal heranschlichen, um die Vorbereitungen heimlich zu beobachten. „Von da unten haben sie geschossen“, sagt Hannaford und zeigt über seinen abfallenden Rosengarten, über den Ley-See und den kleinen Landstreifen hinweg aufs offene Meer. „Sie schossen ihre eigenen Leute tot, unglaublich“.

          Hannaford streift seine Gartenhandschuhe ab und wirft sie auf die Holzbank. „Niemand will bis heute darüber sprechen“, sagt er. Er hat sich sein eigenes Bild gemacht: „Wäre nicht alles so stümperhaft geplant und koordiniert gewesen, hätten viele hundert Soldaten überlebt.“ Für Leute wie Hannaford und eine Anzahl von Buchautoren war „Exercise Tiger“ eine der großen Tragödien des Zweiten Weltkriegs, noch dazu eine vermeidbare.

          Britische Soldaten proben im Mai 1944 für den D-Day in Slapton Sands Bilderstrecke

          Aber die wenigsten wissen von ihr. Schon eine halbe Autostunde entfernt, in der Kreisstadt Totnes, findet man nur noch wenige Leute, die davon gehört haben, was sich vor mehr als siebzig Jahren, am 27. und 28. April 1944, in ihrer Nähe abgespielt hat. Die dramatischen Ereignisse, die mindestens 749 Soldaten das Leben gekostet haben, gingen unter im politischen Sturm, den die erfolgreiche Landung der Alliierten in der Normandie, wenige Wochen später, erzeugte.

          Die Übung begann mit „Friendly Fire“

          Kritiker glauben, die fehlgeschlagene Generalprobe in Slapton Sands sei auch noch Jahrzehnte danach von höchsten Stellen vor der Öffentlichkeit ferngehalten worden – mit Hilfe gefälschter Dokumente und Einschüchterungen Überlebender. In der offiziellen Militärgeschichtsschreibung wird „Exercise Tiger“, an der 30.000 Soldaten, überwiegend aus Amerika, teilnahmen, als eine bedeutende D-Day-Übung angesehen, die von einem deutschen Überraschungsangriff überschattet wurde. In einem Beitrag, den die „Navy Department Library“ in Washington im Jahr 1988 veröffentlichte, wurden nur kleinere Planungs- und Koordinierungsfehler zugegeben.

          Die meisten unabhängigen Autoren, die sich in den vergangenen drei Jahrzehnten mit dem Thema beschäftigten, sehen dies anders: Sie machen ein fahrlässiges Versagen der amerikanischen Kommandeure aus. Selbst zurückhaltende Autoren wie Wendy Lawrence, die sich in ihrem im vergangenen Jahr erschienenen Buch „Exercise Tiger“ mit Verachtung von „Verschwörungstheorien“ distanziert, haben keinen Zweifel, dass die groß angelegte Übung mit „Friendly Fire“ begann.

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