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Christoph Blocher : Poltergeist und graue Eminenz

Rhetorisch geschickter Chefideologe: Christoph Blocher Bild: AFP

Die nationalkonservative SVP hat bei den Parlamentswahlen in der Schweiz deutlich gewonnen. Dreh- und Angelpunkt des Erfolgs ist Vizepräsident Christoph Blocher - nicht nur dank seines milliardenschweren Vermögens.

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          Christoph Blocher ist besessen von einer Mission. Er sieht sich dazu berufen, die Schweiz vor einer angeblich drohenden Unterjochung durch fremde Mächte zu schützen. Dem Ziel, der Schweiz auch im Zeitalter enger globaler Verflechtungen um jeden Preis ihre volle Unabhängigkeit, Souveränität und Neutralität zu bewahren, ordnet er alles unter. Mit seinem leidenschaftlichen und mit viel eigenem Geld beförderten Kampf gegen „Europa“ und Zuwanderer hat der Milliardär die nationalkonservative Schweizerische Volkspartei (SVP) zur stärksten politischen Kraft der Eidgenossenschaft gemacht. Diese Position hat die SVP in den Parlamentswahlen am Sonntag klar verteidigt.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Sie SVP kam laut Endergebnis auf 29,4 Prozent und gewann damit etwa 2,8 Prozentpunkte hinzu. Die FDP erhöhte ihren Stimmenanteil um 1,3 Prozentpunkte auf 16,4 Prozent. Die Sozialdemokratische Partei (SP) gewann nur 0,1 Prozentpunkte hinzu und kam auf 18,8 Prozent. Verlierer der Wahl sind die kleineren Parteien wie die Grünen, die Grünliberalen und die bürgerliche BDP.

          Blocher, 75 Jahre alt, hat sich in diesem Wahlkampf weniger lautstark zu Wort gemeldet als früher. Der Übervater der SVP, der Anfang der neunziger Jahre gleichsam im Alleingang einen Beitritt der Schweiz zum Europäischen Wirtschaftsraum verhinderte, stellte sich nicht einmal selbst zur Wahl. Er amtiert offiziell auch nur noch als Vizepräsident der SVP. Trotzdem ist Blocher nach wie vor Dreh- und Angelpunkt seiner Partei. Als rhetorisch geschickter Chefideologe und mutmaßlich größter Financier gibt er die Richtung vor. Und wenn ihm etwas nicht passt, greift er zur verbalen Peitsche. So las er Anfang Juli allen SVP-Wahlkandidaten in einem „Aufruf von höchster Dringlichkeit“ die Leviten, weil diese seiner Meinung nach zu wenig Engagement zeigten: „Zeigen Sie, wie die Massenzuwanderung und das Asylchaos gestoppt werden können!“, polterte Blocher. Den von großen Teilen der Schweizer Wirtschaft ersehnten institutionellen Rahmenvertrag mit der EU bezeichnete er als „Kolonialvertrag“, den es zu verhindern gelte.

          Blocher, dessen Vorfahren aus Württemberg stammen, kommt aus einfachen Verhältnissen. Aufgewachsen in einem Pastorenhaushalt nahe Schaffhausen als siebtes von elf Kindern, machte er zunächst eine Landwirtschaftslehre. Seine bäuerische und hemdsärmelige Art, die gerade die einfachen Leute begeistert, ist also nicht antrainiert. Später studierte er Jura. Während der Promotion heuerte er bei der Firma Ems Chemie an, wo er schnell aufstieg. 1983 kaufte er das Unternehmen und führte es zu neuer Größe. Als Blocher 2003 in die Regierung gewählt und Justizminister wurde, übertrug er die Firmenanteile seinen vier Kindern.

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          Auch als Minister blieb Blocher seiner Rolle als Scharfmacher treu und verstieß damit gegen das Konsensprinzip, das traditionell für die schweizerische Regierung gilt. Deshalb wählte ihn das Parlament nach vier Jahren ab. Doch er gab sich nicht geschlagen. Blocher war die treibende Kraft hinter der Initiative gegen Masseneinwanderung, welche die Bevölkerung im Februar 2014 annahm und die Schweiz nun in Konflikte mit der EU stürzt. Für seine Gegner ist Blocher ein übler Fremdenfeind, Populist und Demagoge, der das Image der Schweiz im Ausland beschmutzt. Seine Unterstützer verehren ihn als Landesverteidiger, der für das Überleben der Schweiz, ihre Werte und Institutionen im übermächtigen Europa kämpft, koste es, was es wolle.

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