https://www.faz.net/-gq5-7vw83

Chaotische Wahl in Rumänien : Verhinderte Wahlbürger

  • -Aktualisiert am

Protest gegen Wahlverschleppung im Ausland: Demonstranten in Bukarest skandieren: „Wir gehen erst, wenn sie gewählt haben!“ Bild: AFP

Stundenlang mussten Auslandsrumänen vor den Vertretungen ihres Landes warten, bis sie endlich ihre Stimmen abgeben konnten – wenn es ihnen überhaupt gelang. Das Chaos war aber offenbar kein Zufall.

          Vor dem rumänischen Generalkonsulat in der Münchener Richard-Strauss-Straße bildete sich am Sonntag eine Schlange wie zu Ceauşescus Zeiten vor einem Lebensmittelgeschäft. Aber die rund tausend Rumänen, die auf einer Länge von rund 200 Metern stundenlang ausharrten, wollten nichts kaufen, sie wollten etwas abgeben: ihre Stimme bei der Präsidentenwahl.

          Der in München arbeitende Adrian Badea wartete von fünf Uhr nachmittags bis neun Uhr abends, bis er in eine der fünf Wahlkabinen vorgelassen wurde. Um halb zehn riefen draußen noch 500 Rumänen „Vrem sa votam“ (wir wollen wählen) und „Jos Ponta“ (nieder mit Ponta) – gemeint war der sozialdemokratische Ministerpräsident und Präsidentschaftskandidat Victor Ponta. Die Mitteilung, dass das Wahllokal nunmehr geschlossen sei, ließ das Konsulat der Menge von der bayerischen Polizei auf deutsch mitteilen. Es sei eine Schande, sagt Badea, dass den rumänischen Diplomaten der Mumm gefehlt habe, das selbst zu tun.

          „Das Chaos war organisiert“

          Ähnliche Szenen spielten sich vor dem Konsulat in Stuttgart ab. Florin Stefanescu stand dort fünf Stunden lang in der Schlange. Die Organisation der Wahl nennt er „katastrophal“. In anderen europäischen Städten mit höherem rumänischen Bevölkerungsanteil ging es ähnlich zu. Hier fehlte es an Stempeln und Urnen, dort gingen plötzlich die Stimmzettel aus. Der in Turin lebende Andrei Barus verglich das Chaos bei der Stimmabgabe mit der relativ zügig verlaufenen Parlamentswahl im Dezember 2012. „Da steckte dieses Mal ganz offensichtlich ein Plan dahinter. Sie wollten nicht, dass wir abstimmen“, sagte Barus der F.A.Z. Auch Badea glaubt an ein von der Regierung inszeniertes Chaos.

          Rund 3,5 Millionen Rumänen leben im Ausland. Nur 161.054 gaben ihre Stimme ab. Es war absehbar, dass die meisten Auslandsrumänen – anders als die Mehrheit in Rumänen selbst – nicht für Ponta stimmen würde, der am Sonntag 40 Prozent der Stimmen erhielt und in einer Stichwahl am 16. November auf den nationalliberalen Hermannstädter Bürgermeister Klaus Johannis trifft, der auf 30 Prozent kam.

          In Paris und in London versuchten aufgebrachte Rumänen, die rumänischen Vertretungen zu stürmen. „Nieder mit dem Kommunismus, nieder mit Ponta“, rief die Menge in London. In Paris setzten die rumänischen Diplomaten ein mit Schilden und Knüppeln bewaffnetes Sonderkommando der französischen Polizei gegen ihre Landsleute ein, die die Nationalhymne anstimmten. „Es war ein offener Angriff auf die Demokratie“, schildert die Bloggerin Sarah Jay die Vorgänge vor dem Botschaftsgebäude. In der rumänischen Hauptstadt Bukarest schoben derweil das Außenministerium und die Zentrale Wahlbehörde einander gegenseitig die Schuld an dem Debakel zu.

          Weitere Themen

          Ein Sieg für die Demokratie Video-Seite öffnen

          Bürgermeisterwahl in Istanbul : Ein Sieg für die Demokratie

          Bei der Wiederholung der Bürgermeisterwahl hat der Kandidat der Republikanischen Volkspartei (CHP) mit 54 Prozent eine deutliche Mehrheit errungen. Die Abstimmung galt als Test, ob es in der Türkei noch einen Machtwechsel durch freie Wahlen geben kann.

          Topmeldungen

          Wieder Lust auf die SPD machen: Manuela Schwesig, Thorsten Schäfer-Gümbel und Malu Dreyer am Montag im Willy-Brandt-Haus.

          Wie es bei der SPD weitergeht : Noch nichts gewonnen

          Die SPD beschreitet neue Wege. Das ist mutig. Denn die Basis, die nun über die Parteiführung entscheiden soll, ist unberechenbar. Wieviel Revolution wagen die Parteimitglieder?

          AKK : Merkels Tritt in die Kniekehlen

          Für Annegret Kramp-Karrenbauer läuft es derzeit nicht gut. Selbst die Kanzlerin lässt sie aussehen, als wollte sie sagen: Sie kann es (noch) nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.