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Frankreich : Die Spaltung der Republik mit den Mitteln des Textils

Verschleierte Frau in Lyon Bild: AFP

Frankreichs Premierminister Valls nennt Burkinis Symbole der Unterwerfung. An den Stränden selbst wird die Burka-Debatte nicht nur mit scharfen Worten, sondern sogar mit Waffen ausgefochten.

          Der Hintergrund der Massenschlägerei auf Korsika bleibt vorerst ungeklärt. Ein Gericht in der Küstenstadt Bastia hat am Donnerstag einen Prozess gegen fünf beteiligte Männer auf den 15. September verschoben. Am vergangenen Samstag waren am Strand von Sisco Dorfbewohner und Mitglieder maghrebinischer Familien aneinander geraten. Entgegen ursprünglicher Meldungen war dabei nicht ein Burkini der Auslöser. Dabei hatte der Bürgermeister von Sisco als Reaktion auf den Vorfall ein Verbot des muslimischen Ganzkörper-Badeanzuges ausgesprochen.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Der Strand ist in Frankreich zum Austragungsort einer laizistischen Debatte geworden: Was dürfen dort die Muslime, was darf die Republik zulassen? Auch kleinere Vorkommnisse werden zum nationalen Ereignis. Am Strand von Cannes, wo wie in einer Handvoll anderer Kommunen der Bürgermeister ebenfalls den Burkini verbot, sind die ersten Strafzahlungen fällig geworden. Mehrere Frauen wurden vom Strand verwiesen und hatten je 38 Euro zu bezahlen.

          Harpune und Baseballschläger im Einsatz

          Premierminister Manuel Valls hat sich indes für eine harte Linie entschieden – zumindest verbal. Auch er lehne den Burkini ab, denn er sei „nicht nur eine neue Bademode, sondern die Übersetzung eines politischen Projektes, einer Gegengesellschaft, die vor allem auf der Unterwerfung der Frau basiert“, sagte er in einem Interview mit der Regionalzeitung „La Provence“. Daher stehe er hinter den Bürgermeistern, die gegen die muslimische Strandbekleidung einschritten. Allerdings will Valls den Burkini nicht gesetzlich im ganzen Land vernieten lassen. „Allgemeine Bekleidungs-Vorschriften sind nicht die Lösung“, sagte der Premierminister und eröffnete damit aus Sicht seiner Gegner im rechten Lager der Politik eine Flanke. Valls sei der „erste Minister der Worte, doch der letzte Minister des Handelns“, höhnte die Sprecherin der Partei „Die Republikaner“, Valérie Debord. Der Burkini sei eine Fortsetzung der Burka oder des Niqabs am Strand – beide sind in Frankreich wegen der Gesichtsverschleierung verboten – daher gehöre auch die Badebekleidung untersagt. Die Vorsitzende des Front National, Marine Le Pen, schlug erwartungsgemäß in die gleiche Kerbe: „Mit Flickwerk“ durch einige Bürgermeister sei niemandem geholfen, teilte sie in ihrem Blog mit. Man brauche schärfere Mittel um den „Kommunitarismus“ zu bekämpfen. Damit meinte sie die in Frankreich allgemein verurteilte Absonderung einzelner religiöser oder gesellschaftlicher Gruppen, deren Überzeugungen mit den Prinzipien der Republik nicht vereinbar seien. Am linken Rand des politischen Spektrums ist Valls dagegen mit der gegenteiligen Argumentation angegriffen worden. Grüne und kommunistische Politiker forderten die völlige Bekleidungsfreiheit am Strand und eine Beruhigung der Debatte. Valls gießt indes Öl ins Feuer.

          Der Premierminister ist bekannt für schneidige Worte, wenn es um die strikte Trennung von Religion und Staat geht. Im April hatte er sich für ein Kopftuchverbot an französischen Universitäten ausgesprochen. Es gilt bisher nur an Schulen. Doch Präsident François Hollande pfiff ihn zurück. Mit seiner Attacke auf den Burkini findet Valls trotzdem Unterstützung in seiner Regierung. Für Laurence Rossignol, Ministerin für Familien und Frauenrechte, geht es auch um mehr als Mode, nämlich um ein archaisches „Gesellschaftsprojekt“, nach dem „die Frau unrein und ihr Körper eine Provokation für den Mann sei“, sagte sie.

          Wohl auch daher schlug Rossignol für die „Stiftung für den Islam Frankreichs“ eine Frau als Präsidentin vor. Die Einrichtung soll sich um eine Finanzierung von Moscheen aus nicht-staatlichen französischen Quellen kümmern. Doch Hollandes bevorzugter Kandidat ist der frühere Innen- und Verteidigungsminister Jean-Pierre Chevènement – ein vor allem unter Muslimen umstrittener Vorschlag.

          In Korsika bleibt die Stimmung angespannt. Nach den Worten der Staatsanwaltschaft wollten drei maghrebinische Brüder am vergangenen Samstag einen Strand „privatisieren“. Sie stellten ein Schild auf, das den Zugang untersagte, sie sollen sogar Steine in die Nähe von Passanten geworfen haben sowie Beleidigungen und Drohungen ausgesprochen haben. Bald sammelten sich Anwohner des nahegelegenen Dorfes Sisco und protestierten. Bei der darauf folgenden Schlägerei kamen eine Harpune und ein Baseball-Schläger zum Einsatz. Die Organisation SOS Racisme bezeichnete die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft jedoch als sehr einseitig und „ethnisch motiviert“.

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