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Britischer Einwanderungstest : Viel mehr als Shakespeare

Very British: Wer künftig im Königreich leben will, muss sich wohl auch mit einigen modischen Besonderheiten arrangieren Bild: REUTERS

Von Margaret Thatcher über die Königsfamilie bis zu den Olympischen Spielen: In einem überarbeiteten Test schraubt Großbritannien die Hürden für eine Einbürgerung in die Höhe. Dass die Zahl der Einwanderer reduziert werden soll, bekräftigt die Regierung ganz offen.

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          War Margaret Thatcher eine „umstrittene Gestalt“, unter der „die britische Industrie massiv geschrumpft ist“? Oder steht die frühere britische Premierministerin für „wichtige Wirtschaftsreformen“ und nahm maßgeblich Einfluss auf die Beendigung des Kalten Krieges? Das Bild der „Eisernen Lady“ hängt ganz davon ab, mit welchem „Handbuch“ sich Ausländer in Großbritannien auf ihren Einbürgerungstest vorbereiten. Wer die seit Montag erhältliche Neuausgabe von „Leben im Vereinigten Königreich - Ein Führer für neue Einwohner“ studiert, muss seinen Blick auf das Land in einigen Aspekten revidieren.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Bis Anfang dieser Woche galten die Standards des Handbuchs von 2007, das zwar stetig nachgebessert wurde, aber auf den Pfeilern basierte, die die damals regierende Labour Party eingezogen hatte. Die Autoren des Innenministeriums, die die Redaktion Tony Blairs und Gordon Browns passieren mussten, erteilten den angehenden Neubürgern nicht nur eine hässlichere Thatcher-Lektion, sondern auch Ratschläge für den Alltag. Das neue Handbuch konzentriere sich nun auf „die Werte und Prinzipien des Britisch-Seins“, äußerte Einwanderungsminister Mark Harper. „Anstatt den Leuten zu erklären, wie sie Sozialleistungen beantragen können, ermutigt es zur Teilnahme am britischen Leben.“

          45 Minuten Zeit für 24 Fragen

          Dafür wurden die Wissenshürden erheblich angehoben. Auf den bilderfreudigen 180 Seiten des Handbuchs finden sich nicht nur Referenzen zu allgemein bekannten Phänomenen wie den Beatles oder der Königin. Zum Lehrkanon gehört jetzt die gesamte britische Geschichte von der Steinzeit über die Magna Carta bis zu den Olympischen Spielen 2012 in London. Wer sich auf den Test vorbereitet, muss die großen Architekten von Christopher Wren bis Norman Foster kennen und Komponisten wie Henry Purcell und Benjamin Britten. Im Literaturfach reicht es nicht länger, von William Shakespeare gehört zu haben - auch zu Geoffrey Chaucer oder Wilfred Owen kann nun eine Frage gestellt werden.

          Die Prüflinge - im vergangenen Jahr waren es rund 150.000 - müssen darüber hinaus wissen, welches prähistorische Monument im County von Wiltshire zu sehen ist (Stonehenge) und wer für Großbritanniens „einzigartigen Sinn für Humor und Satire“ einsteht. (Es sind, laut Handbuch, Monty Python und die Komödianten Eric Morecambe und Ernie Wise.) Ab März sollen die Prüflinge dann eine Dreiviertelstunde Zeit haben, um 24 aus dem Handbuch entwickelte Fragen zu beantworten; wer falsche Kreuze bei mehr als einem Viertel der Fragen setzt, ist durchgefallen (kann den Test aber nach sieben Tagen wiederholen).

          Das „Migrant’s Rights Network“, das schon immer gegen Tests im Einbürgerungsverfahren war, klagt über einen „großen Rückschritt“. Die neuen Anforderungen entsprächen „einer Eingangsprüfung für eine elitäre Privatschule“, sagt Don Flynn, der Leiter der Organisation. Die Labour Party kritisiert „Mätzchen“ im neuen Handbuch, die von den wahren Problemen ablenkten, spricht sich aber nicht grundsätzlich gegen die Tests aus. Auch in ihrer Wählerschaft werden höhere Hürden für Einwanderer eher begrüßt.

          Nettoeinwanderung auf Zehntausende reduzieren

          Einen Höhepunkt erreichte die Zahl die Einbürgerungen im letzten Jahr der Labour-Regierung. Mehr als 197000 Personen erhielten im Berechnungszeitraum September 2009 bis September 2010 die britische Staatsbürgerschaft. Unter Premierminister David Cameron wurde die Zahl auf zuletzt 1840.00 Personen zurückgeführt. Leicht gesunken ist auch die Zahl der Immigranten. Zwischen 500.000 und 600.000 Ausländer wandern jedes Jahr ins Königreich ein - das entspricht (bei einer gleichzeitigen Auswanderung von 300.000 bis 400.000 Menschen) einem Plus von etwa 200.000. „Wir sind entschlossen, bis zum Ende der Legislaturperiode die Nettoeinwanderung von den Hunderttausenden auf Zehntausende zu reduzieren“, bekräftigte Einwanderungsminister Harper nun im Zusammenhang der Vorstellung des neuen Handbuchs.

          Mit besonderer Nervosität blicken die Briten derzeit auf Rumänien und Bulgarien. Bis Ende des Jahres gelten noch Übergangsregelungen, die den ungezügelten Zustrom aus den beiden EU-Ländern verhindern. Schätzungen zufolge könnten ab 2014 jährlich bis zu 50.000 Rumänen und Bulgaren nach Britannien kommen. Offenbar werden in Downing Street auch ungewöhnliche Maßnahmen erwogen, um den Effekt zu bremsen. Laut eines Ministers müsse in Form einer Werbekampagne „der Eindruck korrigiert werden, dass die Straßen hier mit Gold gepflastert sind“, hieß es in einem Zeitungsbericht, der am Wochenende nicht ausdrücklich dementiert wurde. Der „Guardian“ forderte seine Leser prompt dazu auf, Ideen einzusenden - und begann mit einem eigenen Vorschlag, der Großbritanniens einzigartigen Sinn für Humor und Satire noch nicht vollendet dokumentiert: Zu sehen sind überquellende Mülltonnen, darunter steht: „Britain: It’s rubbish“.

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