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Bosnien vor der Wahl : Europas islamische Demokratie

Das Syrien von gestern: Bosniens Hauptstadt Sarajevo 19 Jahre nach Ende des verheerenden Bürgerkriegs Bild: Andrew Testa/The New York Times

In Bosnien funktioniert 19 Jahre nach dem Bürgerkrieg noch immer vieles nicht. Doch eines zeigen die anstehenden Wahlen deutlich: Islam und Demokratie passen zweifellos zusammen.

          Bosnien-Hercegovina ist das Syrien von gestern. Vor 20 Jahren war der Balkanstaat so häufig in den Nachrichten wie heute das zerfallende Reich des Baschar al Assad. Mindestens 100.000 Menschen kamen in Bosnien und der Hercegovina ums Leben während des Krieges, mehr als eine Million Menschen wurden vertrieben. In Srebrenica erschossen die Männer des bosnisch-serbischen Generals Ratko Mladić in wenigen Tagen mehr als 7000 bosnische Muslime. Dreieinhalb Jahre lang machten düstere Neuigkeiten aus dem belagerten Sarajevo und anderen muslimischen Enklaven fast täglich Schlagzeilen in der Welt. Die fragte sich, wie dieses Land je wieder zusammenfinden solle.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Emir Suljagić hat das Massaker von Srebrenica überlebt. „Postkarten aus dem Grab“ heißt das beeindruckende, die Niedertracht von Tätern und Opfern gleichermaßen auslotendes Buch, das er über seine Zeit in der vermeintlichen „UN-Schutzzone“ veröffentlichte. Es beginnt so: „Ich habe überlebt. Ich hätte einen beliebigen Namen haben können, Muhamed, Ibrahim, Isak, das ist nicht wichtig, ich habe überlebt, viele haben es nicht. Ich habe überlebt, wie sie gestorben sind. Zwischen ihrem Tod und meinem Dasein gibt es keinen Unterschied, weil ich in einer Welt weiterlebe, die dauerhaft, unwiederbringlich von ihrem Tod gezeichnet ist. Ich komme aus Srebrenica.“

          Das Massaker von Srebrenica fand 1995 statt, Suljagićs Bericht darüber erschien 2005. Neunzehn Jahre nach dem Völkermord und neun Jahre nach dem Buch kandidiert Suljagić bei der Wahl an diesem Sonntag für das Amt des bosnischen Staatspräsidenten. Genauer: Für eines der Ämter, denn in Bosnien gibt es seit Kriegsende alles dreifach, auch Staatsoberhäupter: Eines für die bosnischen Muslime, eines für die Serben, eines für die Kroaten.

          Alles erstickender ethnischer Proporz

          Dass Suljagić Srebrenica-Überlebender ist, weiß jeder in Bosnien, aber in seiner Kampagne spielt das keine Rolle. Suljagić will sich nicht von seiner Vergangenheit vereinnahmen lassen. „Es geht bei diesen Wahlen nicht um Srebrenica. Es geht darum, was die jetzige Regierung in den vergangenen vier Jahren getan hat und was ich tun werde.“ Suljagićs Hauptgegner ist Bakir Izetbegović, der den für die Bosniaken (Muslime) reservierten Sitz der bosnischen Präsidentschaft innehat und zur Wiederwahl antritt. Sein Vater war der 2003 gestorbene bosnische „Kriegspräsident“ Alija Izetbegović, den viele Bosniaken als ihren Retter und Staatsgründer verehren. An dem Sohn lässt Suljagić kein gutes Haar: „Er ist ein Hardliner und Nationalist, der alles dadurch erreicht hat, dass er Krokodilstränen über den Verlust unseres Volkes im Krieg vergoss.“

          Suljagić beschreibt die schlechte wirtschaftliche Lage Bosniens und als Kontrast dazu den Reichtum der Regierenden: „Unsere Politiker sind nicht in der Lage, die Herkunft ihres gewaltigen Reichtums zu erklären. Die Bürger fragen, woher ihre Politiker den Reichtum haben, erhalten aber keine Antwort. Antworten die Politiker doch, beleidigen ihre Erklärungen den Verstand der Wähler.“ Steuerprüfer und Staatsanwälte, die dem Missverhältnis zwischen offiziellen Einkünften und tatsächlichem Reichtum nachgehen müssten, hielten still, weil sie politisch ernannt werden, sagt der Kandidat.

          Suljagić, dem Populismus keinesfalls fremd ist, bezeichnet Bosniens politische Klasse, der er selbst angehört, als „Daytonisten“ – nach dem Vertrag von Dayton (Ohio). Mit diesem Abkommen wurde 1995 das bosnische Blutvergießen beendet, Bosnien allerdings in das Korsett eines alles erstickenden ethnischen Proporzes für die Besetzung politischer Ämter gezwängt. „Daytonisten“ sind laut Suljagić Menschen, „für die es auf keinem Arbeitsmarkt der Welt Verwendung gäbe, die keinerlei Fähigkeiten haben und nur als Parasiten eines absurden politischen Systems existieren“.

          „Bosnien gehört seinen Bürgern“

          Besonders kritisiert er Izetbegović für dessen angebliche Abhängigkeit von dem türkischen Staatspräsidenten Tayyip Erdogan. „Izetbegović betreibt nicht bosnische Außenpolitik, sondern Erdogans Außenpolitik. Er ist die Verlängerung Erdogans in diesem Land.“ Suljagić erinnert an einen Auftritt Erdogans bei den türkischen Präsidentenwahlen im August in Konya, als Izetbegović per Videolink zugeschaltet wurde. Unterwürfig habe Izetbegović sich da benommen. Auf Youtube ist der Auftritt noch abrufbar. Da sagt Izetbegović: „Salam alaikum, großer Präsident! Salam aus Bosnien den Brüdern in Konya, den Brüdern in der Türkei.“ Er lobt Erdogan als Mann, der viel für die türkische Nation, die muslimische Welt, „für alle guten Menschen dieser Welt“ getan und der Umma ihren Stolz zurückgegeben habe.

          Besonders erzürnt Suljagić Izetbegovićs Aussage, dass Erdogan nun die Flagge trage, die Izetbegović senior ihm anvertraut habe. „Bosnien ist nicht irgendjemandes Privateigentum. Es gehört seinen Bürgern. Herr Izetbegović täte besser daran, wenn er ein wenig von dem Geld seines Freundes Erdogan ausgäbe, um Menschen zu unterstützen, nach Srebrenica, Bratunac oder Zvornik zurückzugehen, von wo sie im Krieg vertrieben wurden.“

          Ein Muslim für das höchste Staatsamt

          Auch Mustafa Cerić, ein weiterer Bewerber um den muslimischen Platz in Bosniens Staatspräsidium, hat keine hohe Meinung von Erdogan und der Türkei. Ceric war fast 20 Jahre lang als „Reisu-l-ulema“ („Oberhaupt der Gelehrten“) der religiöse Führer von Bosniens Muslimen. Der demokratisch gewählte „Reis“ an der Spitze der bosnischen Muslime ist Teil einer in der islamischen Welt einzigartigen Konstruktion, die auf die Zeit zurückgeht, als Bosnien Teil des Habsburgerreiches war.

          Man solle ihn bitte nicht falsch verstehen, sagt Cerić, er sei keinesfalls turkophob. „Ich bin aber auch nicht turkophil. Ich bin bosnophil.“ Cerić erinnert an einen Ausspruch Erdogans, der einmal sagte, Izetbegović habe ihm auf dem Sterbebett Bosnien zum Schutze anvertraut. „Dazu gibt es kein Dokument, aber nehmen wir einmal an, es war wirklich so: Dann möchte ich Herrn Erdogan grüßen und ihm ausrichten, sobald die Türkei in Bosnien so viel investiert wie Slowenien, können wir wieder reden.“ Derzeit aber investiere das kleine Slowenien viermal mehr in Bosnien als die große Türkei. „Mein lieber Präsident Erdogan, wenn ich sehe, dass Sie fünf Milliarden Dollar in Straßen, Krankenhäuser, Universitäten, Flughäfen und Altersheime investiert haben, dann glaube ich Ihnen, dass Sie sich um Bosnien kümmern“, sagt Cerić, der damit ein dezidiert planwirtschaftliches Wirtschaftsverständnis offenbart.

          Einstweilen aber hätten die Bosnier „die Nase voll von leerer Rhetorik“. Bosnien sei schließlich ein souveräner Staat und nicht der Privatbesitz einzelner Politiker. Die Türkei solle ihre Politik an alle Bosnier richten und „nicht an eine Familie oder einen Clan“, rügt Cerić die Ankaraner Sonderbeziehungen zu Izetbegović. „Bosnien ist eine Demokratie, keine Dynastie.“ Dass er sich als ehemaliger Führer der islamischen Gemeinschaft um das höchste Staatsamt bewerbe, sei der beste Beweis für die demokratischen Verhältnisse im Lande, sagt Cerić, der vor seiner Zeit als „Reis“ in Sarajevo Imam der bosniakischen Gemeinde in Chicago war und fließend Englisch spricht. „Wenn Deutschland einen früheren lutherischen Pastor zum Präsidenten hat, warum soll Bosnien dann nicht einen muslimischen Präsidenten haben?“, fragt er.

          Türkei oder Europa? Bosniens Zukunft ist offen

          Das sieht Fahrudin Radončić anders. Der mutmaßlich reichste Mann Bosniens empfängt in seinem Büro hoch oben über Sarajevo, in dem 35 Etagen hohen Avaz-Tower, benannt nach seiner Zeitung „Dnevni Avaz“ (Tägliche Stimme), der auflagenstärksten Zeitung Bosniens. Offiziell gehört ihm „Dnevni Avaz“ nicht mehr, weil er diesen Teil seines Vermögens nach der Scheidung an seine frühere Ehefrau abgetreten hat – aber in Sarajevo zweifelt niemand daran, dass Radončić weiterhin die redaktionelle Linie des Blattes bestimmt.

          Radončić bewirbt sich ebenfalls um den muslimischen Sitz im Präsidentenamt. Die Grundvoraussetzung zur Kandidatur – bosnischer Muslim zu sein – erfüllt er zwar, aber von allen Kandidaten hält Radoncic den größten Abstand zu religiösen Fragen. „Der Glaube muss eine absolut private Sache sein“, sagt er. „In Bosnien sind der Islam und seine Ausübung nicht bedroht.

          Aber es kann auch nicht sein, dass Gläubige anderen Bürgern Vorschriften machen, wie sie sich zu benehmen haben.“ Wie alle Kandidaten unterstellt auch Radončić dem Amtsinhaber Izetbegović Servilität gegenüber Ankara, nennt ihn eine „Marionette von Erdogans Politik“ und kritisiert die Einmischung der Türkei in bosnische Angelegenheiten. „Es gibt hier einen starken Einfluss der Türkei Erdogans, die Bosnien als Flugzeugträger für ihre neoosmanische Wiedergeburt und die Rückkehr eines konservativen Islams benutzt“, tautologisiert Radončić.

          Kann Syrien das Bosnien von morgen werden?

          Dabei sei diese Politik nicht einmal in der Türkei unumstritten. Bosnien müsse seine Zukunft nicht in der Türkei, sondern in der EU und im Westen suchen, wo es hingehöre und wo seine Freunde seien, sagt Radončić: „Die Vereinigten Staaten haben den Krieg und den Völkermord auf dem Balkan beendet. Die Nato hat den Frieden gebracht. Deutschland hat in der schwersten Zeit Hunderttausende Flüchtlinge aus Bosnien aufgenommen, ohne Rücksicht darauf, ob es sich um Bosniaken, Kroaten oder Serben handelte. Österreich ist der größte Investor in Bosnien, mit Kroatien teilen wir die längste Grenze. Deshalb liegt unsere Zukunft in der EU.“ Im Wahlkampf spricht Radončić davon, dass es besser sei, „die europäische Autobahn als türkische Schotterwege“ zu benutzen.

          Ob einer von Izetbegovićs Gegenkandidaten Erfolg haben wird am Sonntag, ist nicht gewiss, denn zuverlässige Umfragen gibt es nicht in Bosnien. Eines aber ist sicher: Über Bosniens mangelhaften Rechtsstaat, seine schlecht funktionierenden Institutionen, die allgegenwärtige Vetternwirtschaft ließe sich lange und berechtigt Klage führen, doch besitzt das Land ein pluralistisches politisches System. Jeder Bürger kann Izetbegović oder seine Partei kritisieren und sogar beleidigen, wie es ihm beliebt. An den Kiosken liegen die Zeitungen der verschiedensten politischen Richtungen aus, im Internet oder in den Kaffeehäusern finden lebhafte Debatten über die Frage statt, welcher Kurs der beste für Bosniens Zukunft sei, und zu jeder Meinung gibt es eine Gegenmeinung, die gefahrlos geäußert werden kann.

          Trotz aller Schwächen ist Bosnien zwei Jahrzehnte nach dem Ende eines schrecklichen Krieges eine Demokratie. Bosnien hatte bei Kriegsende weniger als 3,5 Millionen Einwohner und wurde 1996 von einer 60000 Mann starken internationalen Friedenstruppe unter Führung der Nato stabilisiert. Syrien hat 22 Millionen Einwohner. Ob es das Bosnien von morgen werden kann?

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