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Bosnien vor der Wahl : Europas islamische Demokratie

Türkei oder Europa? Bosniens Zukunft ist offen

Das sieht Fahrudin Radončić anders. Der mutmaßlich reichste Mann Bosniens empfängt in seinem Büro hoch oben über Sarajevo, in dem 35 Etagen hohen Avaz-Tower, benannt nach seiner Zeitung „Dnevni Avaz“ (Tägliche Stimme), der auflagenstärksten Zeitung Bosniens. Offiziell gehört ihm „Dnevni Avaz“ nicht mehr, weil er diesen Teil seines Vermögens nach der Scheidung an seine frühere Ehefrau abgetreten hat – aber in Sarajevo zweifelt niemand daran, dass Radončić weiterhin die redaktionelle Linie des Blattes bestimmt.

Radončić bewirbt sich ebenfalls um den muslimischen Sitz im Präsidentenamt. Die Grundvoraussetzung zur Kandidatur – bosnischer Muslim zu sein – erfüllt er zwar, aber von allen Kandidaten hält Radoncic den größten Abstand zu religiösen Fragen. „Der Glaube muss eine absolut private Sache sein“, sagt er. „In Bosnien sind der Islam und seine Ausübung nicht bedroht.

Aber es kann auch nicht sein, dass Gläubige anderen Bürgern Vorschriften machen, wie sie sich zu benehmen haben.“ Wie alle Kandidaten unterstellt auch Radončić dem Amtsinhaber Izetbegović Servilität gegenüber Ankara, nennt ihn eine „Marionette von Erdogans Politik“ und kritisiert die Einmischung der Türkei in bosnische Angelegenheiten. „Es gibt hier einen starken Einfluss der Türkei Erdogans, die Bosnien als Flugzeugträger für ihre neoosmanische Wiedergeburt und die Rückkehr eines konservativen Islams benutzt“, tautologisiert Radončić.

Kann Syrien das Bosnien von morgen werden?

Dabei sei diese Politik nicht einmal in der Türkei unumstritten. Bosnien müsse seine Zukunft nicht in der Türkei, sondern in der EU und im Westen suchen, wo es hingehöre und wo seine Freunde seien, sagt Radončić: „Die Vereinigten Staaten haben den Krieg und den Völkermord auf dem Balkan beendet. Die Nato hat den Frieden gebracht. Deutschland hat in der schwersten Zeit Hunderttausende Flüchtlinge aus Bosnien aufgenommen, ohne Rücksicht darauf, ob es sich um Bosniaken, Kroaten oder Serben handelte. Österreich ist der größte Investor in Bosnien, mit Kroatien teilen wir die längste Grenze. Deshalb liegt unsere Zukunft in der EU.“ Im Wahlkampf spricht Radončić davon, dass es besser sei, „die europäische Autobahn als türkische Schotterwege“ zu benutzen.

Ob einer von Izetbegovićs Gegenkandidaten Erfolg haben wird am Sonntag, ist nicht gewiss, denn zuverlässige Umfragen gibt es nicht in Bosnien. Eines aber ist sicher: Über Bosniens mangelhaften Rechtsstaat, seine schlecht funktionierenden Institutionen, die allgegenwärtige Vetternwirtschaft ließe sich lange und berechtigt Klage führen, doch besitzt das Land ein pluralistisches politisches System. Jeder Bürger kann Izetbegović oder seine Partei kritisieren und sogar beleidigen, wie es ihm beliebt. An den Kiosken liegen die Zeitungen der verschiedensten politischen Richtungen aus, im Internet oder in den Kaffeehäusern finden lebhafte Debatten über die Frage statt, welcher Kurs der beste für Bosniens Zukunft sei, und zu jeder Meinung gibt es eine Gegenmeinung, die gefahrlos geäußert werden kann.

Trotz aller Schwächen ist Bosnien zwei Jahrzehnte nach dem Ende eines schrecklichen Krieges eine Demokratie. Bosnien hatte bei Kriegsende weniger als 3,5 Millionen Einwohner und wurde 1996 von einer 60000 Mann starken internationalen Friedenstruppe unter Führung der Nato stabilisiert. Syrien hat 22 Millionen Einwohner. Ob es das Bosnien von morgen werden kann?

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