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Bosnien vor der Wahl : Europas islamische Demokratie

„Bosnien gehört seinen Bürgern“

Besonders kritisiert er Izetbegović für dessen angebliche Abhängigkeit von dem türkischen Staatspräsidenten Tayyip Erdogan. „Izetbegović betreibt nicht bosnische Außenpolitik, sondern Erdogans Außenpolitik. Er ist die Verlängerung Erdogans in diesem Land.“ Suljagić erinnert an einen Auftritt Erdogans bei den türkischen Präsidentenwahlen im August in Konya, als Izetbegović per Videolink zugeschaltet wurde. Unterwürfig habe Izetbegović sich da benommen. Auf Youtube ist der Auftritt noch abrufbar. Da sagt Izetbegović: „Salam alaikum, großer Präsident! Salam aus Bosnien den Brüdern in Konya, den Brüdern in der Türkei.“ Er lobt Erdogan als Mann, der viel für die türkische Nation, die muslimische Welt, „für alle guten Menschen dieser Welt“ getan und der Umma ihren Stolz zurückgegeben habe.

Besonders erzürnt Suljagić Izetbegovićs Aussage, dass Erdogan nun die Flagge trage, die Izetbegović senior ihm anvertraut habe. „Bosnien ist nicht irgendjemandes Privateigentum. Es gehört seinen Bürgern. Herr Izetbegović täte besser daran, wenn er ein wenig von dem Geld seines Freundes Erdogan ausgäbe, um Menschen zu unterstützen, nach Srebrenica, Bratunac oder Zvornik zurückzugehen, von wo sie im Krieg vertrieben wurden.“

Ein Muslim für das höchste Staatsamt

Auch Mustafa Cerić, ein weiterer Bewerber um den muslimischen Platz in Bosniens Staatspräsidium, hat keine hohe Meinung von Erdogan und der Türkei. Ceric war fast 20 Jahre lang als „Reisu-l-ulema“ („Oberhaupt der Gelehrten“) der religiöse Führer von Bosniens Muslimen. Der demokratisch gewählte „Reis“ an der Spitze der bosnischen Muslime ist Teil einer in der islamischen Welt einzigartigen Konstruktion, die auf die Zeit zurückgeht, als Bosnien Teil des Habsburgerreiches war.

Man solle ihn bitte nicht falsch verstehen, sagt Cerić, er sei keinesfalls turkophob. „Ich bin aber auch nicht turkophil. Ich bin bosnophil.“ Cerić erinnert an einen Ausspruch Erdogans, der einmal sagte, Izetbegović habe ihm auf dem Sterbebett Bosnien zum Schutze anvertraut. „Dazu gibt es kein Dokument, aber nehmen wir einmal an, es war wirklich so: Dann möchte ich Herrn Erdogan grüßen und ihm ausrichten, sobald die Türkei in Bosnien so viel investiert wie Slowenien, können wir wieder reden.“ Derzeit aber investiere das kleine Slowenien viermal mehr in Bosnien als die große Türkei. „Mein lieber Präsident Erdogan, wenn ich sehe, dass Sie fünf Milliarden Dollar in Straßen, Krankenhäuser, Universitäten, Flughäfen und Altersheime investiert haben, dann glaube ich Ihnen, dass Sie sich um Bosnien kümmern“, sagt Cerić, der damit ein dezidiert planwirtschaftliches Wirtschaftsverständnis offenbart.

Einstweilen aber hätten die Bosnier „die Nase voll von leerer Rhetorik“. Bosnien sei schließlich ein souveräner Staat und nicht der Privatbesitz einzelner Politiker. Die Türkei solle ihre Politik an alle Bosnier richten und „nicht an eine Familie oder einen Clan“, rügt Cerić die Ankaraner Sonderbeziehungen zu Izetbegović. „Bosnien ist eine Demokratie, keine Dynastie.“ Dass er sich als ehemaliger Führer der islamischen Gemeinschaft um das höchste Staatsamt bewerbe, sei der beste Beweis für die demokratischen Verhältnisse im Lande, sagt Cerić, der vor seiner Zeit als „Reis“ in Sarajevo Imam der bosniakischen Gemeinde in Chicago war und fließend Englisch spricht. „Wenn Deutschland einen früheren lutherischen Pastor zum Präsidenten hat, warum soll Bosnien dann nicht einen muslimischen Präsidenten haben?“, fragt er.

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