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Boris Beresowskij : Tod eines russischen Exilanten

Verästelt: Die Polizei nimmt Absperrungen um Beresowkijs Villa vor Bild: dpa

Der Putin-Kritiker Boris Beresowskij wurde in London leblos aufgefunden. In Großbritannien macht sich Argwohn breit.

          3 Min.

          Fast zwanzig Stunden lang suchten Spezialisten in der Villa von Boris Beresowskij nach biologischen, chemischen oder radioaktiven Substanzen; die Leiche des Hausherrn soll währenddessen in einem der Bäder gelegen haben. Nichts Auffälliges sei gefunden worden, teilte die Polizei am Sonntag mit – und kündigte an, die Ermittlungen fortzusetzen. Die Todesursache bleibt „ungeklärt“, was einstweilen offenlässt, ob der russische Geschäftsmann, der wie kaum ein Zweiter mit dem Kreml verfeindet war, auf natürliche Weise gestorben ist, Hand an sich gelegt hat oder auf raffinierte Weise ins Jenseits befördert wurde.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Die Polizei war am Samstagnachmittag informiert worden und hatte das Anwesen in Berkshire vor den Toren Londons sogleich weiträumig abgesperrt. Die Öffentlichkeit erfuhr durch einen lakonischen Facebook-Eintrag vom Tod des früheren Oligarchen. „Boris Beresowskij ist tot“, schrieb dessen Schwiegersohn Egor Schuppe. In den folgenden Stunden meldeten sich aus aller Welt Menschen zu Wort, die den schillernden Exilanten gekannt hatten. Viele beschrieben den 67 Jahre alten Russen als einen gebrochenen Mann, der sich selbst ruiniert hat. „Er war extrem depressiv“, zitierte der „Sunday Telegraph“ Lord Bell, der Beresowskij lange Jahre als Berater und wohl auch als Freund begleitet hatte. „Er hatte gewaltige finanzielle und persönliche Probleme.“

          Mehrfach wurden Anschläge auf den Exilanten verübt

          Im vergangenen Jahr verlor Beresowskij in London einen aufsehenerregenden Prozess gegen seinen früheren Geschäftspartner Roman Abramowitsch. Die Niederlage schmerzte ihn nicht nur finanziell – statt Milliarden zu erstreiten, musste er etwa hundert Millionen Pfund Prozesskosten zahlen –, sie kostete ihn auch einen guten Teil seines ohnehin nicht gerade stattlichen Ansehens. Der Vorsitzende Richter beschrieb den Russen in seiner Urteilsbegründung als einen „von Natur aus unzuverlässigen Zeugen, der die Wahrheit als ein vorübergehendes, flexibles Konzept betrachtet“. Beresowskijs Aussagen seien „vorsätzlich unehrlich“ gewesen.

          Die Demütigung nach einem Prozess, der die Öffentlichkeit Zeuge eines so flamboyanten wie grauzonenhaften Lebens werden ließ, soll Beresowskij zugesetzt haben, berichten Weggefährten, die in britischen Zeitungen zitiert werden. Das Urteil fiel überdies zusammen mit der Trennung von seiner langjährigen Lebensgefährtin Elena Gurbonova, die – wie zuvor schon seine Ehefrau – über die Gerichte viele Millionen Pfund aus seinem Vermögen erstritt. Dieses soll zuletzt erheblich geschrumpft sein. Unlängst hatte der Verkauf von Beresowskijs Kunstwerken – darunter ein roter Lenin von Andy Warhol – Spekulationen über einen bevorstehenden Bankrott genährt.

          Beresowskij, der zu Sowjetzeiten Mathematik gelehrt hatte, gehörte zu den Glücksrittern, die in den neunziger Jahren von der Zerschlagung der Staatsunternehmen profitierten. Binnen weniger Jahre wurde er zum Milliardär und nahm als Oligarch und Medienmogul Einfluss auf die russische Politik. Er unterstützte Boris Jelzin und später Putin, dessen Gunst er allerdings rasch verlor. Um einer Gefängnisstrafe zu entgehen, setzte er sich im Jahr 2000 nach Großbritannien ab, das ihn später als Asylant anerkannte. Von dort setzte er große Teile seines Vermögens für den politischen Kampf gegen Putin ein. Die russischen Behörden beantragen immer wieder seine Auslieferung – ein Gericht hat ihn in Abwesenheit unter anderem wegen Geldwäsche verurteilt –, aber London weigert sich. Mehrfach wurden Anschläge auf den Exilanten verübt oder geplant; einen vereitelte im Jahr 2007 der britische Geheimdienst. Vladimir schützte sich mit einer kleinen Privatarmee, von der zuletzt – wohl aus finanziellen Gründen – nur ein einziger Leibwächter übriggeblieben war.

          Schrieb er einen Brief an Putin?

          „Zu viele Russen sind in letzter Zeit in London ums Leben gekommen“, sagte Yuri Felshtinsky, ein Vertrauter Beresowskijs, am Sonntag dem „Telegraph“. Dies müsse einen „argwöhnisch“ machen. Felshtinsky, ein in Amerika lebender Buchautor und Historiker, der Beresowskij seit den späten neunziger Jahren kannte, verwies auf zwei in London lebende Russen mit Verbindungen zu seinem Freund – Badri Patarkatsishvili und Alexander Perepilichny – die in den vergangenen Monaten auf „fragwürdige Weise“ gestorben seien.

          Geklärt ist hingegen, wie Alexander Litwinenko ums Leben kam, der zusammen mit Felshtinsky und finanziert von Beresowskij ein Buch über Putin geschrieben hatte, in dem diesem schwere Verbrechen vorgeworfen wurden. Litwinenko wurde vor sieben Jahren in London mit einer radioaktiven Substanz vergiftet, was selbst nach Auffassung der offiziellen britischen Ermittler eine Verwicklung des russischen Geheimdienstes nahelegt und das Verhältnis zwischen London und Moskau bis heute belastet. In einigen Wochen sollte Beresowskij vor Gericht erscheinen, um im Fall Litwinenko auszusagen; spätestens am Tag vor seinem Tod hätte die Aussage schriftlich eingereicht worden sein sollen.

          Ein Sprecher des Kreml reagierte am Wochenende auf den Tod Beresowskijs mit der Mitteilung, dass der Exilant vor einigen Wochen in einem Brief an Putin „um Verzeihung gebeten“ habe. Zugleich soll er den russischen Präsidenten angefleht haben, ihm bei der Rückkehr in sein Heimatland zu helfen. Im russischen Staatsfernsehen wurde zugleich verbreitet, Beresowskij habe in den vergangenen Wochen mehrere Herzinfarkte erlitten. Zumindest Felshtinsky weiß davon nichts. Er traf seinen Freund allerdings zuletzt im vergangenen Jahr.

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