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Wahl in Österreich : Bloß nicht der Andere

Die Anhänger der beiden Kandidaten wollten vor allem eines: Nicht den anderen. Bild: dpa

Die Beteiligung an der Präsidentenwahl zwischen Norbert Hofer und Alexander Van der Bellen war höher als bei vorigen Wahlen. Der Grund, den viele Bürger dafür angaben ist ein deutliches Zeichen für die Polarisierung in dem Land.

          Prächtiges Wetter ist keine gute Motivation, sich in die Schlange an einer Schule oder einem Altenheim einzureihen – wo immer die Gemeinde das jeweilige Wahllokal eingerichtet hat. Am Sonntag aber hat in Österreich die Wahlbeteiligung aber gegenüber den vorigen bei denen das Staatsoberhaupt zu bestimmen war, deutlich zugelegt. Schon das ist ein äußeres Zeichen dafür, wie außergewöhnlich polarisierend die Entscheidung dieses Mal war, die in einer Stichwahl getroffen werden musste. Es standen einander gegenüber Norbert Hofer, ein führender Politiker der rechten Partei FPÖ, und Alexander Van der Bellen, ein früherer Vorsitzender der Grünen, der sich freilich schon seit einiger Zeit aus dem politischen Tagesgeschäft zurückgezogen hat. Nach seinem großen Vorsprung im ersten Wahlgang (35 Prozent) ging Hofer als Favorit in die Stichwahl vor Van der Bellen (damals 21 Prozent).

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Dass es dennoch knapp werden würde, hatten beide Kandidaten vorhergesagt, und deshalb war es auch absehbar, dass der Sieger erst nach Auszählung der Briefwahlstimmen jubeln darf. Aber auch eine knappe Mehrheit wäre eine klare Mehrheit, der Gewinner zieht in die Wiener Hofburg ein. Sowohl Hofer, als auch Van der Bellen gaben sich vorsichtig optimistisch, als sie sich am frühen Abend in der Hofburg blicken ließen – nicht im Leopoldinischen Flügel, in dem der Bundespräsident seinen Amtssitz hat, sondern in dem dort für den Wahlabend eingerichteten Medienzentrum. Allerdings versuchte besonders die FPÖ bereits ein Narrativ zu setzen. Er handelt von der angeblichen Benachteiligung der Freiheitlichen. Alle Repräsentanten des „verkrusteten Systems“ hätten sich gegen Hofer vereinigt, sagte der Parteivorsitzende Heinz-Christian Strache. Und sein Generalsekretär Herbert Kickl unkte bereits, man werde sich die Wahlkartenauszählung sehr genau „ansehen“, ob es da nicht zu Manipulationen kommen könne.

          Potential, das Land zu spalten

          Dass diese Stichwahl das Potential haben würde, das Land zu spalten, war abzusehen gewesen. Aber bei näherem Besehen handelte es sich eher um eine Art negative Polarisierung. Diese Vermutung nähren auch Nachwahlbefragungen (Peter Hajek für ATV und das Institut Sora für den ORF), die am Sonntag verbreitet wurden. Für annähernd jeden zweiten Wähler Van der Bellens und immerhin jeden dritten Hofer-Wähler ging es vor allem darum, den jeweils anderen Bewerber zu „verhindern“. Überdurchschnittlich, nämlich zu mehr als zwei Dritteln für Hofer gestimmt haben laut Sora solche Wähler, die angaben, dass sie eine Verschlechterung der Lebensqualität befürchten. Zwei von drei Hofer-Wählern sagten zudem es sei für ihre Wahlentscheidung ein sehr wichtiges Motiv gewesen, dass Hofer „die Sorgen von Menschen wie mir“ verstehe; ähnlich viele fanden Hofer „sympathisch“. Konkrete Wahlmotive zugunsten von Van der Bellen waren insbesondere die Überzeugung, er könne „Österreich im Ausland am besten vertreten“, sowie die Ansicht, er habe „das richtige Amtsverständnis“.

          Tatsächlich ist es beiden Kandidaten nicht gelungen, in den Wochen nach dem ersten Wahlgang viele überzeugte Anhänger zusätzlich hinter sich zu versammeln. Vielmehr erschienen alle Seiten am Ende ziemlich erschöpft. Mehrere „Duelle“ im Fernsehen waren eher lahm verlaufen. Hingegen hatte ein besonderes Format auf dem Privatsender ATV, ein direkt ausgestrahltes Zwiegespräch ohne Moderator, viele Zuschauer eher abgeschreckt. Nach einer weitgehend sachlich verlaufenden ersten Hälfte artete das Duell zunehmend in eine Folge gegenseitiger Unterbrechungen oder gar Beschimpfungen aus.

          Zwei Aufgeregtheiten aus der letzten Wahlkampfwoche illustrieren gut die Polarisierung des Landes, die bei dieser Wahl stattgefunden hat. Die eine entwickelte sich aus Recherchen des öffentlichen Senders ORF zu einer Israel-Reise Hofers vor zwei Jahren. Hofer hatte im Wahlkampf vielfach von dieser Reise erzählt: Dass er von einer stellvertretenden Präsidentin der Knesset im Parlament empfangen worden sei. Und wie stark ihn ein Erlebnis auf dem Tempelberg beeindruckt habe, bei dem zehn Meter entfernt eine mit Handgranaten und Sturmgewehr bewaffnete Terroristin erschossen worden sei. Der ORF suchte nach und fand keine Hinweise auf diese beiden Ereignisse. Hofer wurde im ORF zweimal auf die Ungereimtheiten in Sachen Israel-Reise angesprochen. Beide Male reagierte er aggressiver, als man das von ihm bis dato im Wahlkampf erlebt hatte. Beide Male ging er auf die Widersprüche in der Sache nicht ein. Stattdessen unterstellten er, Strache und Kickl dem ORF „Foulspiel“ und unzulässige Parteinahme für Van der Bellen.

          Der andere Sturm spielte sich im katholischen Wasserglas ab. Laienorganisationen wie die Frauenbewegung und ein Akademikerverband hatten sich mehr oder weniger klar für Van der Bellen ausgesprochen. Daraufhin trat der Salzburger Weihbischof Andreas Laun in Erscheinung und bezeichnete sinngemäß eine Wahl Hofers als für einen Katholiken quasi einzig mögliche Entscheidung. Van der Bellen bezeichnete der Geistliche als „Gottes- und Kirchenfeind“ und als linksextrem. Wer ihn wählte, mache sich des verdeckten Glaubensabfalls verdächtig. Das wiederum rief den Wiener Erzbischof Christoph Schönborn auf den Plan, der indirekt die Wortwahl Launs rügte und klarstellte, dass die katholische Kirche wie schon immer, so auch dieses Mal keine Wahlempfehlung abgebe.

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