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Vorwürfe gegen Lech Walesa : 575 Seiten Berichte von IM „Bolek“

Lech Walesa, ehemaliger Vorsitzender der Gewerkschaft Solidarność und polnischer Staatspräsident von 1990 bis 1995. Bild: AP

Lech Walesa, ehemaliger Solidarność-Anführer, soll bei insgesamt 110 Begegnungen der kommunistischen Staatssicherheit Informationen geliefert haben. Derzeit sorgt er aus der Ferne für Verwirrung.

          Bogdan Lis sieht dringenden Gesprächsbedarf. Wenn Lech Walesa die am Montag veröffentlichten Akten über seine Zusammenarbeit mit dem kommunistischen Geheimdienst gelesen habe, müsse er im „Kreis der engsten Freunde“ reden. „Ich will sicher mit ihm reden, und wir haben uns schon mit einigen Leuten verabredet, dass wir mit ihm reden werden“, sagte er in einem Radiointerview am Dienstag. Das klang wie: Wir haben einen Anspruch darauf, die Wahrheit zu hören.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Lis war im Sommer 1980 neben Walesa einer der Führer der Streiks in Danzig, die zur Gründung der Solidarność führten und gehört zu jenen, die ihn in den vergangenen Tagen immer wieder verteidigt haben. „Diese Informationen stimmen nicht optimistisch“, sagte Lis über den Inhalt der Akten, die vergangene Woche aus dem privaten Nachlass von General Czeslaw Kiszczak aufgetaucht waren, der als polnischer Innenminister in den achtziger Jahren eine der Hassfiguren der antikommunistischen Opposition war. Und Lis hatte noch einen Rat für Walesa: Er solle sich für „zehn Tage in einem Kloster einschließen“ und den Sturm im Internet ignorieren, denn der mache es unmöglich, nüchtern nachzudenken.

          Aber einstweilen vergrößert Walesa, der sich gerade auf einer Reise in Venezuela befindet, durch regelmäßige Wortmeldung auf seinem Blog im Internet die Verwirrung über seine Vergangenheit. Er beharrt darauf, dass er nie mit der kommunistischen Staatssicherheit (SB) zusammengearbeitet, niemanden denunziert und kein Geld genommen habe und nie gebrochen worden sei. Der Inhalt der Akten freilich erzählt eine etwas andere Geschichte: Danach hat Walesa am 21. Dezember 1970 eine Verpflichtung zur Zusammenarbeit mit dem SB unterzeichnet und in den Jahren bis 1974 insgesamt 13.100 Zloty - etwa das Sechsfache eines damaligen Durchschnittslohnes - für seine Berichte über die Stimmung unter den Arbeitern der Danziger Lenin-Werft erhalten.

          Über den Wert der Informationen des geheimen Mitarbeiters mit dem Decknamen „Bolek“ heißt es in der Notiz eines Geheimdienstoffiziers von Anfang 1972, auf ihrer Grundlage seien die Namen von Mitgliedern eines potentiellen Streik-Komitees festgestellt worden: „Aufgrund seiner Materialien wurden einige Fälle angelegt und eine Reihe von prophylaktisch verwarnenden Gesprächen mit Personen geführt, die die Belegschaft zu weiteren Protesten anheizen.“

          Graphologische Untersuchung steht noch aus

          Als Walesa-„Bolek“ seine Verpflichtungserklärung unterschrieb, saß er in Haft: Im Dezember 1970 hatten die Danziger Werftarbeiter mit spontanen Streiks und Demonstrationen auf Preiserhöhungen bei Lebensmitteln reagiert. Die Proteste eskalierten schnell gewaltsam, das Danziger Komitee der kommunistischen Partei ging in Flammen auf. Bei der Niederschlagung der Streiks durch die Armee wurden mehrere Dutzend Arbeiter und Passanten erschossen. Der damals 27 Jahre alte Walesa war als einer der Anführer des Aufruhrs festgenommen worden.

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