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Belgien : Drei Mittelpunkte in einem geteilten Land

Herrscher über ein geeintes Belgien, das in den Köpfen noch geteilt ist: Keine leichte Aufgabe für König Philippe Bild: REUTERS

Belgiens Verwandlung in einen Bundesstaat hat den Regionen mehr Autonomie gebracht. Eine Reise zur Mitte der Gebiete Flandern, Wallonien und Brüssel zeigt Unterschiede und Gemeinsamkeiten.

          In der Kleinstadt Buggenhout befindet sich der geographische Mittelpunkt Flanderns. Bis zu dieser Stelle ist die schmale Straße asphaltiert, der anschließende Feldweg verliert sich zwischen Weideland. Wer in diesen entlegenen Winkel der 14.400 Einwohner zählenden Gemeinde kommt, verweilt meist nur kurz und kehrt um. Tom Van Herreweghe geleitet die Besucher einige Schritte weiter. Er deutet nach links auf eine eingezäunte Wiese. Sie gehöre dem Bauern Karel De Keyzer.

          Michael Stabenow

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Beneluxländer.

          „Eigentlich liegt der Mittelpunkt da hinten, 30 bis 40 Meter weiter“, sagt Van Herreweghe, seit 12 Jahren Bürgermeister von Buggenhout. Im 1831 entstandenen Königreich der Flamen und Wallonen schien es jahrzehntelang kaum jemanden zu interessieren, wo das Zentrum des niederländischsprachigen Nordteils des Landes liegt. Erst mit dem 1970 begonnenen Umbau des einstigen Zentralstaats in ein bundesstaatliches Gebilde mit immer eigenständigeren Regionen änderte sich das. Es dauerte bis 1999, ehe vier Studenten der altehrwürdigen Universität Löwen der Suche nach Flanderns Mittelpunkt auf diesen Flecken stießen.

          Viele Besucher trifft man hier nicht

          Die Koordinaten „51° 2’ N, 4° 14’ O“ sind seither bekannt. Aber den Bauern De Keyzer hatte die Maßarbeit vergrätzt. „Das Schreckensbild von Touristenhorden auf seinem Feld konnte ihn nur mäßig betören“, hieß es im Heimatblatt „Ter Palen“. Offenbar fehlten dem widerborstigen Landwirt einige der Charaktermerkmale, die Van Herreweghe dem „Durchschnittsflamen“ zuschreibt: „kreativ, solidarisch, kritisch-selbstbewusst und relativ wohlhabend“. Da der Bauer das Stück Land weder verkaufen noch für Besucher öffnen wollte, wurde der Mittelpunkt, kreativ und kurzerhand, auf die andere Straßenseite verlegt.

          Die dort am 25. Mai 2003 eingeweihte Stätte zieren Flaggen der Provinz Ostflandern, der Region Flandern, Belgiens, die blaue Europa-Fahne sowie zwei Stellwände mit Bildern prominenter Besucher. Die Botschafter der Vereinigten Staaten und Israels gehören dazu. Blickfang ist jedoch eine mannshohe silberfarbene Kunststoffskulptur. Sie verfügt über senkrechte dunkle Streben, von denen gekrümmte, oben spitz zulaufende Flügel in drei Richtungen weisen. Sie stehen für die Provinzen Antwerpen, Flämisch-Brabant und Ostflandern, die unweit aneinander grenzen.

          Viele Besucher trifft man hier nicht. Auf einer Bank sitzt sinnierend ein junger Mann. Nach einer Weile mischt er sich in die Unterhaltung ein. „Ich wohne im Nachbarort und komme gerne hierher, weil es so ruhig ist“, sagt er. Dies scheint ihm wichtiger zu sein als der Mittelpunkt Flanderns. Im Zuge des Umbaus Belgiens vom Zentral- zum Bundesstaat hat das niederländischsprachige Flandern, wo 60 Prozent der belgischen Bevölkerung leben, mehr Autonomie erhalten. Das gilt auch für Wallonien, die 30 Kilometer südöstlich Buggenhouts gelegene Hauptstadt Brüssel sowie für die kleine deutschsprachige Gemeinschaft im Osten des Landes.

          Markierung im Nirgendwo: Einer der Mittelpunkte Belgiens liegt in Walhain

          Bürgermeister Van Herreweghe legt im Rathaus, in einem Ziegelbau mit Erkerturm, Buggenhouts Alltagssorgen dar. Er spricht über hohe Immobilienpreise, den Bau von Altenwohnungen, weitere zehn Hektar Wald und über Pläne, den Bahnhofsvorplatz neu anzulegen. Van Herreweghe ist stolz darauf, die Verhältnisse umgekrempelt zu haben. Lange hätten örtliche Brauer- und Industriellenfamilien hier das Sagen gehabt, Die Arbeitslosenrate betrage heute weniger als 6 Prozent – ein auch für das wohlhabende Flandern bemerkenswert niedriger Wert.

          Die eigene Laufbahn hatte der quirlige Politiker in der lange übermächtigen christlich-demokratischen Partei begonnen. Als er sich mit Freunden gegen das lokale Establishment auflehnte und die „Neuen Christdemokraten“ gründete, flog er aus der Partei. Auch den Job als parlamentarischer Mitarbeiter war er los.

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