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Autonomes Südtirol : Bozen und der nackte Mann

Im Land der Berge: Molveno in der Provinz Trient Bild: Lionel Montico/hemis/laif

Südtirol, Italiens nördlichster Provinz, geht es relativ gut. Man spricht, denkt, fühlt hier anders - und will die eigene Autonomie erweitern. Aber wie? Und was wird Rom zulassen?

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          In der Kneipe von Nadamas ist noch nach Mitternacht Betrieb, wenn schon die letzten Hunde ausgeführt und die Bürgersteige gereinigt worden sind. Einer der Gäste blickt durch den golden funkelnden Wein in seinem Glas und sagt, er sei der Nationalität nach Österreicher und arbeite mit Italienern zusammen. „Ich bin darum in beiden Sprachwelten und Temperamenten zuhause.“ Die anderen Gäste nennen den Mann um die 50 mal Johannes, mal Giovanni - Deutsch und Italienisch vereint beim Griechen in Bozen. Er sagt von sich: „Ich bin Südtiroler.“ Und philosophiert: „Wir Südtiroler leben an der Grenze zwischen Butter- und Ölland, zwischen Tanne und Palme.“ Johannes arbeitet in einem Edelstahlwerk, das Mussolini 1933 hier ansiedelte, um, so zitiert Johannes den faschistischen Jargon jener Jahre, „mit moderner Industrie die bäuerlich deutsche Rückständigkeit zu überwinden“. Im Süden von Bozen nahe des Flughafens ist seither die mittelständische Industrie zuhause. Darunter sind auch viele deutsche Unternehmen, die die deutsche Mentalität Südtirols schätzen, aber den italienischen Markt suchen.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          „Mein Großvater war Sizilianer“, sagt ein Arbeitskollege von Johannes auf Deutsch. Als Kind habe er in den Ferien immer nach Sizilien „heimfahren“ müssen. Das hätten dann schon die Eltern abgestellt und Oma nach Bozen geholt. „Jetzt sind wir alle hier zuhause.“ Eine Frau ergänzt auf Italienisch: „Ich habe einen Deutschen geheiratet. Unsere Kinder sind Südtiroler - aus beiden Sprachen und Welten haben spätestens sie eine gemacht.“ Die neue Debatte über die Autonomie entstehe doch nur, „weil wir in ganz Europa in der Wirtschaftskrise stecken“. Da versuchten schlaue Politiker Stimmen zu gewinnen, indem sie eine goldene Insel Südtirol versprächen.

          Autonomie als Zwischenlösung

          Die „neue Debatte“: Gemeint sind die in den vergangenen Jahren wieder lauter gewordenen Forderungen nach einer wie auch immer gearteten Unabhängigkeit von Italien. Nach dem Untergang des Habsburgerreiches wurde im Frieden von Saint-Germain von 1919 der südliche Teil der alten Grafschaft vom Rest Tirols abgespalten und Italien zugesprochen. Viel ist seither über das Land hingezogen. Es gab die brachialen Versuche der Italienisierung durch den bald faschistisch regierten Staat; es gab die Verabredung der Diktatoren Mussolini und Hitler, die deutschsprachigen Südtiroler „heim ins Reich“ zu holen; es gab nach dem Krieg die Vereinbarung zwischen Österreich und Italien, eine autonome Provinz innerhalb Italiens einzurichten. Eine Autonomie, die zunächst von Italien kalt unterlaufen wurde, was in Spannungen bis hin zu Bombenanschlägen auf Strommasten durch militante Südtiroler mündete; Carabinieri kamen unter teils ungeklärten Umständen ums Leben. Und endlich, seit den siebziger Jahren, eine langsame Entspannung und der Ausbau der Selbstverwaltung bis hin zu der heute bestehenden, so die Regierungssprache, „sehr weitgehenden Autonomie“.

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