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Auslegung des Korans : Gibt es ein Bilderverbot im Islam?

  • -Aktualisiert am

Keine Bilder im Koran Bild: AP

Die Mörder der Zeichner und Journalisten der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ trieb offenbar die als blasphemische Verhöhnung empfundene Karikatur des Propheten Mohammed zu ihrer Tat. Daneben spielt auch das angebliche Bilderverbot im Koran womöglich eine Rolle.

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          Der blutige Anschlag auf eine Pariser Satirezeitschrift macht wieder einmal deutlich, dass viele Muslime Probleme mit etwas haben, das in unserer Kultur selbstverständlich ist: Kritik, auch polemische, an der Religion.

          Im Islam spielt freilich auch eine Rolle, dass die Darstellung von menschlichen Wesen, noch dazu Personen, die verehrt werden wie der Prophet Mohammed, möglichst gemieden werden soll.

          Bis heute ist umstritten, ob es im Islam ein ausdrückliches Bilderverbot gibt oder nicht. Islamische Fundamentalisten behaupten das, doch mahnt der Koran selbst allenfalls zu einer gewissen Zurückhaltung. Gott hat Menschen und andere lebendige Wesen, so die Tiere, geschaffen, der Mensch vermag dies nicht, und wenn er sie darstellt, kann er ihnen nicht „Leben einhauchen“, sie nicht lebendig machen.

          Nach Ansicht des bekannten Tübinger Orientalisten Rudi Paret wurde ein Bilderverbot erst in späterer Zeit in der Hadith-Literatur, die Aussprüche und Traditionen des Propheten wiedergibt, und im Fiqh, der gelehrten Diskussion über das sakrale Recht des Islams, diskutiert.

          So überliefert al Buchari, der wohl bekannteste Hadith-Autor, über den Gewährsmann Abu Talha eine Sentenz Mohammeds, die lautet: „Ich habe den Gesandten Gottes sagen hören: Die Engel betreten kein Haus oder Zimmer, in denen sich ein Hund oder eine bildliche Darstellung befindet.“

          Hintergrund für diese Aversion des Propheten war wohl die Anschauung, der Mensch versuche durch die Darstellung lebender Wesen, „Gott nachzuahmen“. Eine Rolle spielte gewiss auch die Überlieferung, derzufolge Mohammed nach seinem siegreichen Einzug in Mekka im Jahre 630 n. Chr. die Kaaba von Götzenbildern reinigen ließ.

          Dies waren wohl Darstellungen des altarabischen Pantheons, jener männlichen und weiblichen Gottheiten, die die Mekkaner in der Zeit der Dschahilija oder „religiösen Unwissenheit“ verehrten. Obwohl sich das „Bilderverbot“ im Sunnitentum weitgehend durchsetzte, zeigt die Existenz einer islamischen Malerei und vor allem Buch-und Miniaturmalerei, dass man sich nicht immer daran hielt. Es gibt zahlreiche Darstellungen des Propheten Mohammed und seiner Mutter Amina, mal mit Schleier vor dem Gesicht, doch auch ohne Schleier.

          Auch andere Gestalten aus der koranischen Überlieferung, wie Ibrahim (Abraham) werden bildlich dargestellt. Zu hoher Blüte kam die persische Buchmalerei, religiöse wie weltliche Motive wurden behandelt. Dasselbe gilt für die hochentwickelte Malerei unter den indischen Moguln.

          Im 19. Jahrhundert drang die Fotografie in die islamische Welt ein, so in das Osmanische Reich über die berühmten Brüder Abdullah und ihr Studio in Konstantinopel. Entsprechende Rechtsgutachten des Scheichülislam hatten dies erlaubt. Im strengen Saudi-Arabien konnte erst in den frühen siebziger Jahren das Fernsehen eingeführt werden, als der damalige König Feisal im Zusammenspiel mit Rechtgelehrten es gestattete.

          Der Islam hat mit seiner Diskussion über die Abbildung lebender Wesen eine Frage behandelt, die durchaus auch christliche Theologen beschäftigte. Angeregt durch diese Debatten im Islam brach unter den byzantinischen Theologen ein Streit aus, den die Ikonodulen mit den Ikonoklasten ausfochten.

          Während die Ikonoklasten (Bilderstürmer) den Ansichten zuneigten, die unter den Muslimen herrschten, wollten die Ikonodulen (Bilderverehrer) davon nichts wissen. Die bildlichen Darstellungen Jesu als Pantokrator und der Gottesmutter Maria in den Ostkirchen ebenso wie die Ikonen als geradezu kultisch verehrte Gegenstände machen deutlich, dass sich in Byzanz die Ikonodulen durchsetzten.

          Die Ostkirche entschied sich für das Bild. Im Fall des Pariser Anschlages dürfte freilich auch eine Rolle gespielt haben, dass - wie seinerzeit bei der dänischen Zeitung Jylladsposten - Abbildungen einen islamkritischen Inhalt transportierten.

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