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Aufstand im Warschauer Getto : Der Maulwurf unter dem Karussell

Am Ende des Aufstands: Deutsche SS-Soldaten führen eine Gruppe von Juden aus dem Warschauer Getto - in die Vernichtungslager Bild: Archiv

„Er berührt die Körper der Begrabenen, er zählt, wühlt weiter“, heißt es in einem Gedicht über das Verhältnis der Polen zum Aufstand im Warschauer Getto 1943. Zum Jahrestag diskutiert Polen über seine Geschichte zwischen Gleichgültigkeit und heldenhafter Hilfe.

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          Dies muss der Ort sein: die Kreuzung Miodowastraße und Swietojerska. Rossmann hat auf, die Millennium-Bank wirbt mit Billigkrediten, und vor das Krasinski-Palais haben sie Straßenkunst hingestellt, geflügelte Blechpferdchen in Orange und Grün. Vor siebzig Jahren stand hier das Warschauer Getto in Flammen. Hier war die Mauer, die es vom Rest der Stadt trennte, und hier, gleich außerhalb, muss dieser Rummel gewesen sein, das Karussell, welches Czeslaw Milosz zu seinem furchtbaren Gedicht „Campo di Fiori“ inspirierte: „Der Wind von den brennenden Häusern blies in die Kleider der Mädchen, die fröhliche Menge lachte an diesem schönen Warschauer Sonntag.“ Am 19. April 1943 hatte der Aufstand im Getto begonnen, die größte jüdische Erhebung des Zweiten Weltkriegs. Als Milosz dann jenen „schönen Sonntag“ erlebte, hatten die Deutschen schon begonnen, die Häuser abzureißen, die Bewohner zu töten. Am 16. Mai schrieb der SS- und Polizeiführer Jürgen Stroop in seinen Tagesbericht: „Das ehemalige jüdische Wohnviertel in Warschau besteht nicht mehr.“

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Nach dem Krieg haben sich auf den Trümmern zuerst die Blocks des Sozialismus ausgebreitet, und bis heute verrät allenfalls die Reklame an den Litfaßsäulen, dass es mit der Volksrepublik der Kommunisten mittlerweile ebenso vorbei ist wie mit dem „Generalgouvernement“ der Nazis. Wer allerdings weitergeht, die Swietojerska entlang, ins Innere des alten Sperrbezirks, wird bald auf eine atemberaubende Neuerung treffen: Glas und schwingender Beton des 21. Jahrhunderts, das „Museum der Geschichte der Juden in Polen“, frisch erbaut vom polnischen Staat, der Stadt Warschau und internationalen Spendern, darunter die Bundesregierung. An diesem Freitag öffnet es seine Pforten. Die ständige Ausstellung über tausend Jahre jüdischen Lebens in Polen soll Ende 2013 hinzukommen.

          Es gab Solidarität, und es gab Gleichgültigkeit

          Der Aufstand im Warschauer Getto gehörte zum fürchterlichen Ende dieser Geschichte. Hitler hatte Polen zum Hauptschauplatz des Holocaust gemacht. Auschwitz, Treblinka, Majdanek standen hier, die großen Vernichtungslager, und die Hälfte der etwa sechs Millionen ermordeten Juden waren polnische Bürger. Das Getto aber war der Vorhof der Vernichtung. Auf einer beklemmend kleinen Fläche, kaum größer als das Tempelhofer Flugfeld in Berlin, pressten die Deutschen 460.000 Menschen zusammen - verhungert, krank, verängstigt. Die Bevölkerungsdichte betrug das Dreißigfache des heutigen Berliner Durchschnitts, es stank nach Verwesung, auf den Gehsteigen lagen Tote. Die Massentransporte in die Gaskammern von Treblinka terrorisierten die, welche noch lebten.

          Der Aufstand war das dramatische Ende dieser Hölle. Die Deutschen hatten gerade zu einer neuen Deportationswelle angesetzt, da stießen sie auf Widerstand. Ein paar hundert, vielleicht tausend junge Frauen und Männer, oft halbe Kinder, schossen auf die SS, verteidigten Haus für Haus. Es ist nicht klar, ob sie auf Rettung hofften oder ob es ihnen, wie Marek Edelman, einer der wenigen Überlebenden, sich später ausdrückte, nur darum ging, „die Art des Sterbens zu wählen“ - in den Gaskammern oder im Kampf. In der Tat haben nur wenige von ihnen entkommen können. Der junge Kommandeur des Aufstands, Mordechai Anielewicz, und seine letzten Kämpfer töteten sich am 8. Mai 1943, umzingelt in ihrem unterirdischen Versteck.

          Und die Polen? Die Warschauer, die damals an der Gettomauer in die Flammen starrten? Das Bild ist uneindeutig. Es gab Denunziation und Verrat an versteckten Juden, und es gab heroische Hilfe. Es gab Solidarität, und es gab Gleichgültigkeit. Der Zwiespalt betraf alle, bis hin zu den Soldaten der polnischen Heimatarmee (AK) im Untergrund. Deren gut organisierte Einheiten überließen den kämpfenden Juden zwar ein paar Waffen und griffen während des Aufstands vereinzelt deutsche Posten an. Insgesamt aber war der Beistand des polnischen Untergrunds so halbherzig, dass Szmul Zygielbojm, der Vertreter der Juden bei der Londoner Exilregierung, sich noch während der Kämpfe aus Protest das Leben nahm.

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