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Jahrestag der Krim-Annexion : Der Preis des Anschlusses

Schüler stellen die Befreiung der Krim nach. Bild: Alexander Kadnikov

Die Krim feiert den Referendumsjahrestag – und die Menschen ziehen vor Problemen einen patriotischen Schutzwall hoch. Kritische Fragen werden mit dem Hinweis auf die Lage in der Ostukraine abgeblockt.

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          Von frischen Karpfen über kunstlederne Gürtel bis zum Hemd mit „Neurussland“-Aufdruck: Auf dem Zentralen Markt von Simferopol, der Hauptstadt der Krim, gibt es fast alles zu kaufen, was man zum Leben braucht. Durch die Gassen zwischen den Ständen drängen sich Kunden. Es heißt, die Preise für Lebensmittel seien gestiegen. Doch in diesen Zeiten kann selbst eine solche Frage auf einen patriotischen Schutzwall stoßen. Eine russische Verkäuferin verweist auf ihre Radieschen und Möhren und sagt, sie kosteten immer noch so viel wie früher, das heißt: zu ukrainischer Zeit. Ein paar Stände weiter hingegen rechnet ein krimtatarischer Verkäufer vor, um wie viel seine Kartoffeln, Äpfel und Zwiebeln teurer geworden seien. Die besten Kartoffeln etwa – sie kommen weiter vom ukrainischen Festland – kosteten früher 30 Rubel das Kilogramm, nun 80 Rubel, also 1,22 Euro. Ein Mann, der sich für die Kartoffeln interessiert, sagt, bei diesem Preis kaufe er lieber Fleisch, und geht weiter.

          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Wer die Bewohner der Stadt fragt, was sich für sie geändert hat seit dem, was ein russischer Fernsehfilm dieser Tage als „Weg in die Heimat“ bezeichnet hat, hört am Schluss meist Sätze wie diese: „Aber das Wichtigste ist: Hier wird nicht geschossen. Hier wird niemand getötet.“ Das sagt zum Beispiel ein junger Taxifahrer, der sich angesichts der Änderungen des vergangenen Jahres nur ärgert, nicht noch einen Kredit bei einer ukrainischen Bank aufgenommen zu haben, dessen Raten er nun nicht zurückzahlen müsste. An deren Stelle sind neue, russische Banken entstanden. Bei denen indes kommt man aufgrund der Sanktionen mit Visa- und Mastercard nicht weit. Auch haben russische Telefonunternehmen die ukrainischen abgelöst. Längst haben sich die Nummern geändert.

          Das sind gleichwohl Probleme, die mit Blick auf das Festland gering erscheinen. In den Straßen von Simferopol ist es ruhig. Mittlerweile fahren hier neue blauweiße Oberleitungsbusse aus Russland. Die prächtige Alexander-Newskij-Kathedrale wird gerade instandgesetzt. Schilder nennen als Schirmherrn Präsident Wladimir Putin. Die Konflikte des vergangenen Jahres werden schon historisiert. In einem Café am Lenin-Platz erinnern sich drei Veteranen des „Landsturms“, der Freiwilligenkräfte, die im Februar vergangenen Jahres erschienen, an Auseinandersetzungen mit Krimtataren. Sie sind davon überzeugt, dass diese zusammen mit dem ukrainischen „Rechten Sektor“ auf der Krim Blut vergießen wollten. Die Ukraine, das seien „23 Jahre Besatzung“ gewesen, sagt einer, „aber wir haben russisch gesprochen und wir werden weiter russisch sprechen.“

          Feier für den „Sieg der historischen Wahrheit“

          Wie es um die Zahlen zur Entwicklung der Krim bestellt ist, weiß Olga Baldina. Sie leitet die Statistikbehörde der Halbinsel. In ihrem Büro hängt schon das Putin-Amtszimmerporträt, im Vorzimmer stehen noch blaugelbe Bände „Ukraine in Zahlen“. Baldina, die schon seit Anfang der achtziger Jahre in der Behörde arbeitet, berichtet stolz, wie sie im Herbst den Moskauer Auftrag, die Bevölkerung der Krim zu zählen, erfüllt habe. In Rekordzeit sei man, so die vorläufigen Angaben, auf 1.895.900 Menschen gekommen. Das seien knapp 130.000 weniger als bei der vorhergehenden Zählung im Jahr 2001. Auf der Krim stürben mehr Leute, als geboren würden. Auch zur Teuerung, dem, so Baldina, „am meisten diskutierten Punkt“ hier, hat sie Zahlen. Im Laufe des vergangenen Jahres stiegen die Preise für Brot demnach um ein Drittel, für Fleisch um zwei Drittel, für Früchte um 86 Prozent. Käse ist nun auf der Krim teurer als in Russland. Baldina erklärt das zum einen mit den Transportschwierigkeiten. Lastkraftwagen warten tagelang an der faktischen Grenze auf Abfertigung. Fähren über die Meerenge von Kertsch müssen oft wegen Stürmen warten.

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