Attentäter El-Hussein : Der Facebook-Dschihadist
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Nørrebro, die Heimat El-Husseins, gilt als „sozialer Brennpunkt“ Kopenhagens und war seit den achtziger Jahren Schauplatz schwerer Ausschreitungen zwischen Linksextremisten und der dänischen Polizei. Besonders berüchtigt waren die Ausschreitungen von 1993 nach dem „Ja“ der Dänen zum Maastricht-Vertrag, als sich die Polizei mit Schusswaffen gegen Gewalttäter zur Wehr setzen musste und mehr als 90 Polizisten verletzt wurden. Nørrebro galt und gilt noch immer als „multikultureller“ Stadtbezirk. Heute liegt der Anteil der Einwanderer – vor allem aus dem Nahen Osten – bei etwa dreißig Prozent. Berichte über wachsenden Antisemitismus in Skandinavien beziehen sich unter anderem auf Malmö auf der schwedischen Seite Öresunds, aber auch auf diesen Stadtteil Kopenhagens. Eine Anhörung im Rathaus von Kopenhagen ergab 2013, dass jüdische Schüler, die in Nørrebro leben und zur Schule gehen, von ihren Lehrern aufgefordert werden, sich als Palästinenser auszugeben, um nicht „gemobbt“ oder angegriffen zu werden. In ihrem Appell an die dänische Nation richtete sich Ministerpräsidentin Thorning-Schmidt am Montag deshalb besonders an die jüdische Gemeinde: „Wir wären nicht mehr dieselben ohne jüdische Gemeinde“, sagte sie.
Schon vor dem Überfall in der S-Bahn vom November 2013 war El-Hussein von der Polizei aufgegriffen worden – unter anderem wegen unerlaubten Waffenbesitzes. Polizei und Geheimdienst war der Mann aber vor allem deshalb aufgefallen, weil er im Gefängnis darüber sprach, nach Syrien reisen zu wollen, um sich dem „Islamischen Staat“ anzuschließen. El-Hussein wurde deshalb auf einer Liste der dänischen „Kriminalvorsorge“ mit den Namen von Gefängnisinsassen geführt, die sich während ihrer Haft radikalisiert hatten. Wie es in El-Husseins Fall zur religiösen Fanatisierung kam, ist nicht bekannt. Die Liste der Extremisten liegt auch dem Inlandsgeheimdienst PET vor. Bestätigt wurden entsprechende Berichte aber weder von der dänischen Polizei noch vom PET. Am Sonntag hatte ein PET-Sprecher nur angegeben, die Sicherheitsdienste hätten El-Hussein zwar „auf dem Radar“ gehabt, es habe aber keine Anzeichen gegeben, dass der Attentäter Vorbereitungen für eine unmittelbare Ausreise nach Syrien getroffen habe. Am Montag teilte die Kriminalvorsorge außerdem mit, die Erkenntnisse über El-Hussein, die an den PET weitergegeben worden seien, hätten nicht zu dem Schluss führen können, dass er zu einem Terroranschlag fähig sei.
Noch eine Dreiviertelstunde vor dem Anschlag auf das Café „Krudttønden“ in Kopenhagen, in dem unter anderem der schwedische Zeichner Lars Vilks am Samstagnachmittag an einer Veranstaltung über Meinungsfreiheit teilnahm, soll der Attentäter ein Video auf seine „Facebook“-Seite hochgeladen haben, auf dem zum „Dschihad“ aufgerufen wird. Das Video soll im Youtube-Kanal „Proud Muslim“ gelaufen sein, in dem der Terror des „Islamischen Staats“ verherrlicht wird. In dem Café starb ein Besucher durch die Schüsse des Attentäters. Auch zwischen den beiden Anschlägen, also noch vor dem Angriff auf die Synagoge in der Kopenhagener Innenstadt kurz vor ein Uhr nachts, bei dem er einen Mann tötete, soll der Attentäter im Internet unterwegs gewesen sein. Die Polizei teilte am Montag mit, dass der mutmaßliche Terrorist zwischen 22 Uhr und 22.25 Uhr am Samstagabend in Nørrebro ein Internetcafé aufgesucht habe. Sie veröffentlichte mehrere Bilder, die Überwachungskameras am Samstag und in der Nacht auf Sonntag in der dänischen Hauptstadt aufgenommen hatten und auf denen der Attentäter zu sehen ist. Noch ist nicht detailliert geklärt, was sich in den Stunden vor und zwischen den beiden Anschlägen zugetragen hat.
Nicht nur an den Orten des Schreckens lagen am Montag Blumen zum Zeichen der Trauer. Auch vor dem Haus im Svanevej in Nørrebro, wo El-Hussein in der Nacht zum Sonntag von Polizisten angesprochen wurde, das Feuer eröffnete und dann erschossen wurde, liegen Tulpen und Rosen neben der Haustür.