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„Anti-Majdan“-Demonstration : Kein Vergeben, kein Vergessen

Bild: AP

In Moskau hat am Jahrestag der blutigen Proteste in Kiew der „Anti-Majdan“ demonstriert. Es ging aber nicht nur um die Ablehnung der „Majdan“-Bewegung in der Ukraine, sondern um eine Abrechnung mit westlichen Werten.

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          Die im Januar gegründete russische „Antimajdan-Bewegung“ hat zum Marsch durch Moskau geladen, und viele Russen folgen am Samstagmittag ihrem Ruf: nach Behördenangaben rund 35.000, nach Angaben der Veranstalter gar 50.000. Etliche der Teilnehmer sollen auch aus anderen Regionen hergekommen sein. Die Zeitung „Nowaja Gaseta“ berichtet,  an einige Teilnehmer seien nach der Veranstaltung umgerechnet vier Euro ausbezahlt worden.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          In der Hauptstadt hatten Plakate die Aktion beworben. Es ist ein Fest der Verbände: Gewerkschaften, Parteien, allerlei Initiativen sind mit ihren Leuten vertreten. „Ein Jahr Majdan. Wir vergessen nicht, wir vergeben nicht!“, lautet das Motto. Wem man nicht vergeben will, wird bei jeder Gelegenheit ergänzt: dem Westen. Vielerlei Fahnen wehen. Nicht nur russische Trikoloren. Auch das schräge, blaue Kreuz auf rotem Grund, das für „Neurussland“ stehen soll, für große Teile der Ukraine also. Auch die Fahne der „Volksrepublik Donezk“.

          Eine Gruppe Tschetschenen trägt Fahnen mit dem Konterfei Achmat Kadyrows, des Vaters des gegenwärtigen „Oberhaupts“ der russischen Teilrepublik, Ramsan Kadyrow. Und man sieht viele schwarzorangefarbene Flaggen einer „Nationalbefreiungsbewegung“. Sie bedient sich der Farben des Sankt-Georgs-Bandes, das den Sieg über den Faschismus symbolisiert. Der wiederum ist auf Schildern allgegenwärtig, die Teilnehmer in den Händen halten.

          Den Russen ist schließlich von Beginn der Proteste in Kiew an erzählt worden, der „Majdan“ sei eine Ansammlung von Faschisten. „Majdan = Faschismus“, ist nun etwa auf Schildern zu lesen. Einen „Majdan“ solle und werde es in Russland nicht geben, soll die Botschaft des Marsches sein. Er führt durch das Zentrum Moskaus bis zum Platz der Revolution am Kreml - eine schöne Route, von der die Opposition gegen Präsident Wladimir Putin, die am 1. März demonstrieren will, derzeit nur träumen kann.

          Solidarität mit dem „echten ukrainischen Volk“

          Zu Beginn der Veranstaltung sind vereinzelt Sprechchöre zu hören. In Abwandlung des „Majdan“-Slogans „Ruhm der Ukraine, den Helden Ruhm“ rufen Teilnehmer etwa „Ruhm den Beschützern des Donbass“ und „Ruhm dem Landsturm“, wie die Separatisten in Russland genannt werden. Eine junge Frau sammelt in einer Plastikbox mit der Aufschrift „Neurussland“ Geld. Wenige Meter weiter versammeln sich etliche Demonstranten hinter einem langen roten Banner, auf dem „Patriotismus - das ist tätige Liebe zur Heimat“ steht. Vor der Gruppe posieren drei Männer mit einer russischen Trikolore, auf die ein maskierter Soldat gezeichnet ist. „Höfliche Leute“, steht darunter. So werden in Russland die Spezialkräfte genannt, welche etwa die Krim eingenommen haben.

          Russland brauche keinen Majdan wurde von der Bühne verkündet.

          Hinter dem roten Patriotismus-Banner steht, in der Mitte seiner Gruppe, der Duma-Abgeordnete Anatolij Wybornij. Man sei für die „multipolare Welt“, erläutert er auf Nachfrage die Gründe für seine Teilnahme an dem Marsch. Jeder Staat solle souverän sein, gleichberechtigt. Das russische Volk sei jetzt, anders als etwa in den neunziger Jahren, einig und stark. Daher bestehe keine Gefahr, dass es in Russland zu einem „Majdan“ komme. Man sei aber hier aus „Solidarität“ mit dem „echten ukrainischen Volk“, also mit jenen Ukrainern, die nicht mit einem „von außen“, aus den Vereinigten Staaten, gekommenen „Virus“ infiziert seien.

          Dann setzt sich der Zug in Bewegung in Richtung Platz der Revolution. Die Stimmung ist gut. Blondierte Verkäuferinnen eines italienischen Herrenausstatters entlang der Route fotografieren sich selbst vor den Demonstranten. Der Ruf „Ruhm den Berkut“ erschallt, zu Ehren der Sicherheitskräften, die den Menschen auf dem Majdan gegenüberstanden. Etliche ihrer Mitglieder haben in Russland Zuflucht und angeblich auch neue Arbeit im selben Metier gefunden.

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