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Briten nach dem Anschlag : Schlacht der Werte

Großbritannien trauert: Vor einem Fußballstadium legen Bürger Blumen für drei Fußball-Fans, die in Sousse umkamen, nieder. Bild: AP

Für Großbritannien war der Anschlag von Sousse der schlimmste Terrorakt seit zehn Jahren. Das Volk und die Regierung trauern. Und Scotland Yard hat hunderte Ermittler auf den Fall angesetzt.

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          Im Laufe des Montags wurden immer mehr britische Staatsbürger identifiziert, die dem Terroranschlag im tunesischen Badeort Sousse zum Opfer gefallen sind. Sie kamen von überall, aus allen Altersgruppen und Schichten. Eine junge Bloggerin aus Lincolnshire war darunter, ein Rentner aus Goole, drei Mitglieder einer Familie aus den West Midlands.

          Jochen Buchsteiner
          Politischer Korrespondent in London.

          Seit den Bombenanschlägen auf das Londoner Nahverkehrssystem vor zehn Jahren sind nicht mehr so viele Briten bei einem Terrorakt getötet geworden. Premierminister David Cameron ließ am Montag die Flagge über Downing Street 10 auf halbmast setzen.

          Innenministerin Theresa May flog am Morgen nach Tunesien und legte am Tatort einen Kranz nieder. 18 Briten seien zum Opfer „dieser perversen Ideologie“ geworden, sagte sie, wies aber darauf hin, dass die endgültige Zahl deutlich höher liegen werde. Laut inoffizieller Berichte befinden sich unter den 38 Terroropfern dreißig britische Touristen. Bundesinnenminister Thomas de Maizière, der ebenfalls nach Sousse gereist war, sprach von einem „besonders bitteren Tag für Großbritannien“.

          Briten kommen nach Hause

          Begleitet wurde May von mehreren Sicherheitsexperten. Im Laufe der Woche sollen fünfzig britische Ermittler, Konsularbeamte und Rotkreuzmitarbeiter am Ort sein. Die Identifikation der Opfer dauert an, weil die meisten keine Dokumente bei sich trugen, als der Terrorist das Feuer am Strand eröffnete. Insgesamt hat Scotland Yard 600 Ermittler auf den Fall angesetzt. Es ist der größte Polizeieinsatz seit „Seven Seven“, wie der Anschlag vom 7. Juli 2005 genannt wird, bei dem 56 Menschen, einschließlich der Terroristen, getötet wurden.

          Fast 4000 Briten haben ihren Tunesien-Urlaub inzwischen abgebrochen und sind zurück ins Königreich geflogen. Viele bleiben aber auch bewusst im Land und begründen dies mit Solidarität mit den Einheimischen. Das Außenministerium in London brachte seine Reisewarnungen für Tunesien am Montag auf einen neuen Stand und mahnte zu erhöhter Wachsamkeit.

          Kampf der britischen Generation

          Die Sorge vor weiteren Anschlägen des „Islamischen Staates“ wuchs aber auch in Großbritannien. Mehrere Zeitungen berichteten über Vorkehrungen der Behörden. „Der Zeitpunkt der verheerenden Anschläge in Tunesien, Frankreich und Kuweit deutet darauf hin, dass diese Ereignisse auf demselben Motiv gegründet haben könnten: den ersten Jahrestag des Kalifats an diesem Montag zu begehen“, sagte Afzal Ashraf vom „Royal United Services Institute“.

          Terror in Tunesien : De Maizière in Tunesien

          Cameron, der in den vergangenen Tagen Krisensitzungen leitete und am Montag das Parlament unterrichtete, plädiert für eine umfassende und langfristige Antwort auf die Bedrohung durch den islamischen Extremismus. Er wiederholte seine Formel vom „Kampf unserer Generation“, in dem man „alles einsetzen muss, was wir können“.

          Politische Beobachter hielten fest, dass auf die Regierung kein Druck ausgeht, mit neuen Militärschlägen oder Antiterrorgesetzen Handlungsfähigkeit zu demonstrieren. Der BBC-Kommentator Norman Smith sprach von dem „verbreiteten Gefühl, dass auf dem Gebiet schon verdammt viel passiert ist“.

          Entschlossenheit statt Angst

          Die Briten, gab Cameron in einem BBC-Interview zu, seien für Terroristen „ein Ziel“. Zugleich verwarf er den Gedanken, dass dies mit dem Militäreinsatz im Irak zusammenhänge. „Wir können uns nicht verstecken in dem Glauben, man sei weniger Ziel, wenn man sich mehr zurückhält“, sagte Cameron. „Sie greifen unsere Lebensweise an, das, wofür wir stehen, und deshalb müssen an der Seite derer stehen, die unsere Werte teilen.“

          In einem Artikel für den „Daily Telegraph“ schrieb der Premierminister: „Wir werden nicht verängstigt sein. Zu unserem Schock und unserer Trauer müssen wir ein weiteres Wort hinzufügen: Entschlossenheit. Unerschütterliche Entschlossenheit.“ Er verglich die Herausforderung durch den militanten Islamismus mit jener durch den kommunistischen Ostblock im Kalten Krieg und sagte: „Es ist eine Schlacht unserer Werte und unserer Erzählung gegen deren Werte und deren Erzählung.“

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