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Anschlag in Frankreich : „Eine neue Form der Barbarei“

Spezialkräfte der französischen Polizei nehmen eine mutmaßliche Komplizin des Attentäters in Saint-Priest nahe Lyon fest Bild: Reuters

Nach einem Angriff auf eine Gasfabrik nahe Lyon hat die Polizei eine enthauptete Leiche gefunden. Bei dem Opfer handelt es sich offenbar um den ehemaligen Chef des mutmaßlichen Attentäters.

          Es sind schockierende Neuigkeiten, die den Verhandlungssaal in Brüssel aus Frankreich erreichen. Der französische Präsident teilt seine ersten Eindrücke vom Anschlag in der Fabrik Air Products in Saint-Quentin-Fallavier südlich von Lyon mit der Bundeskanzlerin. Mehrere Minuten lang betrachten die beiden die Fernsehbilder, die ein Nachrichtensender vom Tatort im französischen Alpenvorland sendet. „Zutiefst schockiert“ sei die Kanzlerin gewesen, twittert ein französischer Journalist, der der Szene beiwohnt. Hollande nimmt im Nu die schon im Januar nach den Terroranschlägen in Paris und im April nach der vereitelten Attacke auf eine Kirche bewährte Rolle des obersten Schutzherrn der Nation ein. Staatstragend stellt sich der Präsident noch in Brüssel der Presse, spricht beruhigende Worte, demonstriert Entschlossenheit, im Kampf gegen den islamistischen Terrorismus nicht nachzulassen.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Innenminister Bernard Cazeneuve ist da schon unterwegs nach Saint-Quentin-Fallavier. Auch er ist ein routinierter Krisenmanager, er weiß, wie wichtig die Kommunikation der ersten Stunden ist, wenn die Aufregung und die Verunsicherung am größten sind. Saint-Quentin-Fallavier liegt etwa eine halbe Autostunde von der Innenstadt von Lyon entfernt, zählt 6000 Einwohner. Es ist ein ruhiges Städtchen, wie es sie zuhauf im Großraum Lyon gibt, dem zweitwichtigsten Industriestandort nach der Hauptstadtregion.

          Doch um kurz vor halb zehn am Freitagmorgen haben laute Explosionen die Bewohner aufgeschreckt. Die herbeigeeilten Sicherheitskräfte machen schon am Fabrikzaun eine makabre Entdeckung. An einem Zaunpfeiler ist der Kopf eines Enthaupteten aufgespießt, daneben hängen Flaggen mit arabischer Aufschrift. Die Leiche des Enthaupteten liegt vor dem Fabrikgebäude. Von einer neuen Form der Barbarei spricht Innenminister Cazeneuve und bestätigt, dass die Tat einen terroristischen Hintergrund hat. Zum ersten Mal ist auf französischem Staatsgebiet ein Mann von Terroristen enthauptet worden.

          Polizisten am Tatort in Saint-Quentin-Fallavier

          Wenig später geben Ermittler bekannt, dass es sich bei dem Opfer um den Chef eines Unternehmens aus der Region handle, in dem der Verdächtige angestellt gewesen sei. Das Transportunternehmen des Mannes hatte eine Zugangsgenehmigung zu der Gasfabrik.

          Aufnahmen der Überwachungskameras zeigen laut Ermittlern, wie der später festgenommene Angreifer den Kopf am Zaun anbringt. Anschließend rammt der 35-Jährige mit seinem Fahrzeug auf dem Gelände abgestellte Gasflaschen und löst so eine Explosion aus. Er rennt dann auf ein Gebäude zu und hantiert mit einer Azeton-Flasche - offenbar, um eine weitere Explosion herbeizuführen. Die Verbindung gilt als leicht entzündlich und in Verbindung mit Luft als explosiv. Herbeigeeilte Feuerwehrleute können den Mann, der sie mit „Allahu Akbar“- Rufen empfängt, aber überwältigen und festhalten, bis die Polizei kommt.

          Ein weiterer Verdächtiger wird wenig später gefasst. Er soll mit seinem Auto mehrmals das Fabrikgelände umkreist haben. Cazeneuve gibt die Identität des mutmaßlichen Haupttäters preis. Yassin Sahli heißt er, geboren im März 1980 und aufgewachsen in Saint-Priest, mit dem benachbarten Vénissieux einer der sozialen Brennpunkte im Großraum Lyon. Er soll in dem Werk als Lieferant bekannt gewesen sein. Auch die Frau und die Schwester Sahlis werden festgenommen.

          Aus Vénissieux kam auch Khaled Kelkal, der erste einer inzwischen langen Reihe im eigenen Land radikalisierter Terroristen. Der in Algerien geborene Kelkal wuchs in Frankreich auf, schloss sich als junger Mann der algerischen Terrororganisation GIA an und war Mitte der neunziger Jahre an mehreren Attentaten in Frankreich beteiligt. Er kam um, nachdem er sich seiner Festnahme mit Waffengewalt widersetzt hatte. Kelkal gilt seither als Musterbeispiel des „inneren Feindes“.

          Ort des Anschlags: Die Fabrik des Unternehmens Air Products, nahe Lyon.

          Es sind nur wenige Details, die Cazeneuve über den mutmaßlichen Täter bekannt gibt. 2006 wurde Sahli von den französischen Geheimdiensten wegen seiner Mitgliedschaft in einer Salafistengruppe als gefährlich eingestuft, seine Akte erhielt den Vermerk „S“ für „Sicherheitsüberwachung“. Aber schon 2008 wurde der Fall nicht mehr weiterverfolgt. Da hatte Nicolas Sarkozy gerade größere Einsparungen beim Personal der Geheimdienste beschlossen.

          Deshalb äußert sich Innenminister Cazeneuve zutiefst empört darüber, dass Sarkozy ihn und den Präsidenten in einer Stellungnahme zu dem Anschlag gemaßregelt hat. „Seit mehreren Wochen fordern wir von der Regierung, alle unerlässlichen Maßnahmen zu ergreifen, um unsere Landesleute zu schützen“, kritisierte Sarkozy die vorgebliche Handlungsschwäche der Sozialisten bei der Terrorismusbekämpfung. Cazeneuve ermahnte alle politisch Verantwortlichen, angesichts der Terrorbedrohung nicht den Sinn für das Gemeinwohl zu verlieren. Sahli war nicht vorbestraft, deshalb tauchte er auf dem Radarschirm der Sicherheitskräfte nicht mehr auf.

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