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Anschläge und Grabschändungen : Die neue Angst der Juden in Europa

Fassungslos, ratlos: Trauernde vor der Synagoge in Kopenhagen Bild: dpa

Wie in einer rasenden Spirale häufen sich die Anschläge und Angriffe auf Juden und jüdische Einrichtungen in Europa. Der französische Innenminister bittet die Juden zu bleiben. Israel bereitet sich dennoch auf eine Einwanderungswelle vor.

          Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, hat sich äußerst besorgt über die jüngsten Attacken auf Juden und jüdische Einrichtungen in Europa gezeigt: „Die neuerlichen Terroranschläge beunruhigen die jüdischen Gemeinden in Deutschland sehr“, sagte Schuster gegenüber FAZ.NET. Zum Glück reagiere die Polizei in Deutschland sehr schnell und überprüfe ihre Sicherheitsmaßnahmen für jüdische Einrichtungen regelmäßig. „Dieser Schutz ist leider auch nötig. Absolute Sicherheit gibt es aber nicht, für niemandem. Daher muss unsere gesamte Gesellschaft lernen, mit der Bedrohungslage umzugehen“, sagte Schuster.

          Susanne Kusicke

          Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Weiter hieß es im Zentralrat: „Wer geglaubt hat, dass die Terroranschläge von Paris einmalige Vorfälle waren, sieht sich leider schrecklich getäuscht. Der Terror gegen islamkritische Journalisten und jüdische Einrichtungen ist endgültig mitten in Europa angekommen. Die getroffenen Sicherheitsvorkehrungen haben offensichtlich schlimmeres Blutvergießen verhindert.“

          „Kein jüdisches Leben hinter Mauern“

          Die Berliner Direktorin des American Jewish Committee (AJC), Deidre Berger, sagte dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ vom Montag: „Wir wollen kein jüdisches Leben hinter Mauern, aber wir müssen zugleich unsere Sicherheit schützen“. Es sei aber vor allem wichtig, „dass überhaupt anerkannt wird, dass das jüdische Leben in Europa gerade gefährdet ist.“

          Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) versicherte den jüdischen Bürger Deutschlands, dass sie gut beschützt würden. Die Bundesregierung, die Landesregierungen und alle Verantwortlichen täten alles dafür, dass die Sicherheit jüdischer Einrichtungen und Bürger gewährleistet werde, sagte Merkel am Montag in Berlin. „Wir möchten gerne mit den Juden, die heute in Deutschland sind, weiter gut zusammenleben.“ Sie ergänzte: „Wir sind froh und auch dankbar, dass es wieder jüdisches Leben in Deutschland gibt.“

          Valls: „Frankreich ist verletzt wie Sie“

          In Frankreich rief unterdessen der französische Ministerpräsident Manuel Valls die jüdischen Bürger dazu auf, trotz neuerlicher Grabschändungen auf einem jüdischen Friedhof im Elsass und trotz des Attentats auf einen jüdischen Supermarkt in Paris im Land zu bleiben. „Unsere Botschaft an die französischen Juden lautet: Frankreich ist verletzt wie Sie, und Frankreich möchte nicht, dass Sie gehen“, sagte Valls am Montag dem Rundfunksender RTL. Valls äußerte auch Bedauern über den Aufruf des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu an die europäischen Juden, nach Israel zu emigrieren. „Die französischen Juden gehören nach Frankreich“, sagte er.

          Netanjahu hatte Europas Juden am Sonntag angesichts der jüngsten antisemitischen Straftaten aufgefordert, nach Israel zu kommen. Er rechne damit, dass sich die Angriffe in Europa fortsetzen werden, sagte Netanjahu am Sonntag in einer Kabinettssitzung in Jerusalem. „Juden wurden auf europäischem Boden ermordet, nur weil sie Juden waren. Diese Terrorwelle wird weitergehen.“ Zugleich bekräftigte er, dass Juden aus der ganzen Welt in Israel willkommen seien: „Israel ist eure Heimstätte.“ Man bereite sich dort auf eine Einwanderungswelle aus Europa vor.

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