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Anschläge und Grabschändungen : Die neue Angst der Juden in Europa

In Sarre-Union im Osten Frankreichs waren am Sonntag mehrere hundert jüdische Gräber geschändet worden. Auf die Anschläge in Paris im Januar, bei denen auch vier Juden getötet worden waren, hatte Netanjahu mit einem ähnlichen Aufruf reagiert. In den vergangenen Jahren ist die Zahl judenfeindlicher Angriffe in Frankreich stark gestiegen; im Jahr 2014 wurden doppelt so viele antisemitische Straftaten gezählt wie im Vorjahr.

Will sich nicht einschüchtern lassen: der dänische Chefrabbiner Jair Melchior (links) und der Vorstand der jüdischen Gemeinde Dan Rosenberg Asmussen am Montag in Kopenhagen

Dänischer Chefrabbiner: Wir haben keine Angst

Der dänische Chefrabbiner Jair Melchior kritisierte den Aufruf die Juden Europas, nach Israel auszuwandern. „Wir haben keine Angst“, sagte Melchior dem israelischen Rundfunk am Montag. Es sei das Ziel von Terrorismus, den Menschen Angst einzuflößen. „Wir lassen uns nicht von Terroristen dazu zwingen, unser tägliches Leben zu ändern, in Angst zu leben und an andere Orte zu fliehen“, sagte Melchior. Juden könnten nach Israel auswandern, weil sie den jüdischen Staat liebten, „aber nicht, weil sie Angst haben, in Dänemark zu leben“, sagte der Oberrabbiner.

Vielmehr müssten jetzt die jüdischen Gemeinden überall gestärkt werden, „weil Juden überall dort bleiben und leben können, wo sie sind“, sagte Melchior. Er nannte Vergleiche des heutigen Europas mit der Situation vor dem Zweiten Weltkrieg „ärgerlich und unangemessen“. „Dies sind keine Nazis. Dies sind keine Pogrome. Dies sind bösartige Terroristen, die es nicht verdient haben, uns vorzuschreiben, wie wir zu leben haben.“ Und weiter: „Die Situation in Europa ist nicht so schlimm, das Leben in Europa ist nicht so katastrophal“, sagte Melchior. „Auch in Israel gibt es Terroranschläge und man lernt, damit umzugehen.“

Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde in München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, bezeichnete die Auswanderung europäischer Juden nach Israel als nicht angemessene Reaktion. „Ein Exodus der europäischen Juden nach Israel ist keine Lösung der massiven Gefährdung durch islamistischen Terror“, denn der islamistische Terror bedrohe die europäischen Demokratien als Ganzes, sagte Knobloch am Montag in München.

„Linker Judenhass gefährlicher als rechter“

Der Vizepräsident des Jüdischen Weltkongresses, Petr Papousek, sagte, seiner Einschätzung nach sei der antijüdische Terror von links gefährlicher als der von rechts. „Den rechten Antisemitismus kennen und erkennen wir, und er ist in weiten Teilen der Gesellschaft absolut tabuisiert», sagte der Tscheche der dpa in New York. „Der linke Antisemitismus kommt nicht nur getarnt daher, er ist auch weitgehend akzeptiert.“ Das gefährliche am „linken Judenhass“ sei, dass man Antisemit sein „und sich trotzdem ganz modern und aufgeklärt“ fühlen könne.

Papousek bestätigte zwar auch, dass der israelische Militäreinsatz dem Ansehen der Juden in Europa schade. Das eigentliche Problem aber sei, dass in Europa immer mehr muslimische Einwanderer leben, von denen ein Teil Juden verachte. „Wenn wir von wachsender Feindlichkeit gegen Juden in Europa sprechen, dann ist das vor allem auf die Einwanderer zurückzuführen“, sagte Papousek.

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