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Als Flüchtling in Athen : Positiv bleiben

  • -Aktualisiert am

Sternschnuppe über Griechenland: Camaras größter Wunsch blieb aber bisher unerfüllt Bild: AP

Der Mann aus Guinea träumte von Freiheit und Demokratie. Jetzt lebt er in Athen. Das ist nicht leicht. Es ist sogar ziemlich schwer.

          Ein griechisches Mädchen läuft an Daouda Camara vorbei und lacht. „Ich mag die vielen Schwarzen hier nicht“, sagt sie leise. Camara blickt ihr hinterher, auf einer Athener Straße. Er lacht. Dann ruft er seinen Freund Ibrahim an. Der sitzt seit drei Monaten in einem Internierungslager. Die Polizei hat ihn ohne Papiere erwischt. Camara legt auf und lacht. Er blickt auf ein Graffito für einen Migranten. Der Migrant wurde von Rassisten erstochen. Camara erzählt die Geschichte. Er lacht wieder.

          Es ist ein seltsames Lachen. Aus dem Innersten blubbert es hoch, überschlägt sich im Kehlkopf und bricht hervor. Fassungslosigkeit liegt darin, etwas Fragendes, doch das Lachen soll all das übertönen.

          Ende 2010 floh Daouda Camara aus Guinea. Zusammen mit 50.000 weiteren Menschen hatte er in der Hauptstadt Conakry gegen Korruption und Diktatur demonstriert. Sie sangen Lieder von Freiheit und Demokratie. Dann schoss das Militär. 157 Menschen kamen ums Leben, mehr als tausend wurden verletzt. Das Militär begann, Oppositionelle zu jagen. Camara stand auf der Liste. Er floh.

          Athen war ihm ein Begriff. Er hatte Fernsehberichte über Griechenlands Gastfreundschaft gesehen. Bilder von der Akropolis im Sonnenuntergang. Pärchen in Straßencafés. Offene Türen. „Ich kannte das Land aus der Schule. Platon. Sokrates“, sagt er auf dem Weg zu einem kleinen Supermarkt, der einem Landsmann gehört. Es ist der Treffpunkt der Guineer in Agios Panteleimonas. Ein Arbeiterviertel, nahe dem Stadtzentrum. Die meisten Fenster sind vergittert, viele Geschäfte geschlossen. Migranten bestimmen das Straßenbild.

          Orangenernten im Peloponnes

          Als Camara den Supermarkt erreicht, kommt gerade ein Bekannter mit leerem Blick die Straße hoch. Camara geht ihm lachend entgegen, wirft die Arme nach vorne. Handschlag. „Wie geht’s dir, mein Bruder“, ruft er. Selten stehen seine Arme still. Das Gespräch nimmt den üblichen Verlauf. Probleme mit der Aufenthaltsgenehmigung. Übergriffe. Geldsorgen. Bei jeder Volte des Gesprächs: lautes Lachen.

          Drinnen im Laden surren Getränkekühlschränke. Regale voller Fertiggerichte, Konserven und Putzmittel. Auf dem Kassentisch ein Wasserkocher. Camara macht sich einen Instantkaffee und rührt mit lässigem Schwung mehr und mehr Zucker in den Becher. Neben seinem Zimmer, das er mit drei anderen teilt, ist der Laden sein Rückzugsort. Er steht für einen Migrantentraum, der sich erfüllte. Der Besitzer hat sich hochgearbeitet, mittlerweile hat er zwei Angestellte und eine Familie in Athen. Aber es ist lange her, dass er kam.

          Auch Camara versuchte sein Glück. Monatelang erntete er im Peloponnes Orangen. Zwölf Stunden am Tag ging er die Baumreihen entlang. Von den scharfen Kanten der Pflückgeräte platzten seine Finger auf, verhornten und platzten wieder auf. Es gab keine Ess- und keine Trinkpausen. Reden durften sie auch nicht. Der Tageslohn betrug 15 Euro. Auf seinem Handy hat Camara ein Foto, darauf steht er Arm in Arm mit dem Farmbesitzer. Der kleine, rundliche Farmer mit Hut auf dem Kopf blickt unbeteiligt in die Linse. Daneben Camara. Hochgewachsen, schlaksig. Selbst auf dem Bild scheint er in Bewegung zu sein. Seine Augen blitzen frech in die Kamera. Das breite Lächeln entblößt die Zähne. Er hasste die Arbeitsbedingungen, seinen Boss hassen wollte er nicht.

          „Man muss positiv bleiben.“

          Den Lohn sparte er, um einen Schmuggler nach Deutschland bezahlen zu können. Gereicht hat es nicht. Einen neuen Job sucht Camara vergeblich, denn in der Wirtschaftskrise werden auch Tagelöhner immer weniger gebraucht. Jetzt lebt er vom Verdienten und dem Geld, das ihm manchmal von Freunden und Familie geschickt wird.

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