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Tsipras reist nach Russland : Athens Spiel mit der russischen Karte

Der griechische Regierungschef Alexis Tsipras hofft auf Hilfe aus Moskau. Bild: Reuters

Der griechische Regierungschef Alexis Tsipras fliegt in der kommenden Woche nach Russland. Sucht er ein Bündnis mit dem russischen Präsidenten Putin? Manches spricht dafür – aber nur auf den ersten Blick.

          Am Mittwoch fliegt Alexis Tsipras nach Moskau. Der griechische Ministerpräsident wird dort Wladimir Putin treffen. Eigentlich war ein Besuch in Russland erst für den 9. Mai vorgesehen. Dann wird Tsipras der Parade auf dem Roten Platz zum 70. Jahrestag des Siegs über Nazi-Deutschland beiwohnen – einer Veranstaltung, der Angela Merkel und die meisten EU-Regierungschefs wegen Moskaus Krieg in der Ukraine fernbleiben. Doch nun kommt Tsipras schon vorher einmal zu Putin.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Sein Besuch wird von Befürchtungen begleitet. Das hat auch damit zu tun, dass am Donnerstag, einen Tag nach Beginn der Reise, Griechenland 450 Millionen Euro an den Internationalen Währungsfonds zurückzahlen muss. Nach Aussagen griechischer Regierungspolitiker ist unklar, ob Athen das leisten kann. Zudem hat die Regierung Tsipras bis zum heutigen Tag noch keine offizielle Reformliste in Brüssel vorgelegt. Was bisher an Athener Vorschlägen bekanntgeworden ist, scheint eher ein Wünsch-dir-was-Programm zu sein. Eine überzeugende Reformagenda aber ist Voraussetzung dafür, dass ausstehende Notkredite in Höhe von 7,2 Milliarden Euro nach Athen fließen. Tsipras könnte also, so das Schreckensszenario, für einen Milliarden-Scheck von Putin der EU eine Nase drehen und ein Bündnis mit Russland anstreben. EU-Parlamentspräsident Martin Schulz warnte die Griechen nun davor, ihre europäischen Partner zu verprellen.

          Tsipras hat selbst einiges dafür getan, dass sein Spiel mit der russischen Karte argwöhnisch beäugt wird. In einem Interview mit der russischen Agentur Tass sprach er vor wenigen Tagen von einer „sinnlosen“ Sanktionspolitik der EU, die er ablehne. Er beschwor die brüderlichen Beziehungen beider Länder, die mehr als alle anderen Blut im Kampf mit dem Faschismus vergossen hätten. Und er verwies auf den christlich-orthodoxen Glauben der Russen und Griechen als Grundlage für eine lichte Zukunft.

          Das klang nach einem Kurswechsel. Russland hätte daran durchaus Interesse. Denn Athen kann dem Kreml helfen, einen Keil in die EU zu treiben, die Sanktionsfront aufzubrechen. Langfristig könnte Griechenland für Moskau ein Schlüssel werden, um den Einfluss auf dem Balkan und in Mittel- und Südosteuropa weiter zu stärken. Schon jetzt schenkt der Kreml Serbien, Ungarn und der Slowakei besondere Aufmerksamkeit. Und Athen ist anfällig für Werbungsversuche. Denn es braucht dringend Geld. Zudem verspüren die Regierenden, sowohl Tsipras’ linke Partei Syriza als auch der kleine rechtsnationalistische Koalitionspartner der „Unabhängigen Griechen“, eine ideologische Nähe zu Russland, teilen die Ablehnung des westlichen Liberalismus.

          „Psychisch kranke Putin-Kritiker“

          Schon vor seinem Wahlsieg hatte Tsipras im Mai vergangenen Jahres Moskau besucht. Damals teilte er die russische Sprachregelung, dass in Kiew „Faschisten“ an der Macht seien. Sein Außenminister Nikos Kotzias hatte vor zwei Jahren – noch als Politikprofessor – den antiwestlichen Ideologen Alexander Dugin zu Vorträgen eingeladen. Der Russe rief im vergangenen Jahr dazu auf, Ukrainer zu töten. Putin-Kritiker, so sagte Dugin in einem Interview, seien „psychisch Kranke, und man muss sie ärztlicher Überwachung übergeben“. Abseits solcher Tiraden setzt sich Dugin dafür ein, eine eurasische Macht unter Russlands Führung zu schaffen, um Amerika Paroli zu bieten. Zumindest in diesem Punkt treffen sich die „Anti-Imperialisten“ von Syriza mit den Eurasiern Russlands.

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