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4. Juni 1989 : High noon an der Wahlurne

1989: Der Wahlschein als Waffe Bild: Prisma Bildagentur

Die Kommunisten fühlten sich vor dem Urnengang am 4. Juni 1989 sicher, obwohl sie wussten, dass sie mit dem Rücken zur Wand standen: Wie die Polen in nur halbfreien Wahlen die Freiheit errangen.

          Polens Kommunisten fühlten sich vor den Wahlen am 4. Juni 1989 sicher, obwohl sie wussten, dass sie mit dem Rücken zur Wand standen. Die wirtschaftliche Lage des Landes war schon seit Jahren katastrophal: In den Läden fehlten alltägliche Güter, der Staat stand kurz vor dem Bankrott. Auf einen ersten Anlauf zu Wirtschaftsreformen reagierten Arbeiter großer Industriebetriebe im Frühjahr und Sommer 1988 mit zwei massiven Streikwellen, die Polen dem Abgrund noch ein wenig näher brachten.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Die Staats- und Parteiführung um General Wojciech Jaruzelski zog daraus den Schluss, dass sie mit den Oppositionellen reden musste, die sie in den Jahren zuvor eingesperrt, in den Untergrund getrieben und schikaniert hatte, denn diese Männer besaßen etwas, was sie nicht hatten, aber zur Durchsetzung von Reformen benötigten: Autorität und Glaubwürdigkeit bei der Bevölkerung.

          Die Führer der Solidarność waren keine Träumer

          Dass sie bei ihren Gegnern auf Gesprächsbereitschaft stoßen würden, wussten die Kommunisten. Denn sie kannten deren Debatten, die halböffentlich in kirchlichen Räumen und in Untergrundzeitschriften darüber geführt wurden, wie Polen vor dem völligen Zusammenbruch bewahrt werden könnte. Die Führer der verbotenen Gewerkschaft Solidarność um den Friedensnobelpreisträger Lech Walesa waren zwar Idealisten, aber keine Träumer, sondern politische Köpfe mit Sinn für die Realität.

          Wie die herrschenden Kommunisten sahen sie die Notwendigkeit schneller und unpopulärer Reformen. Ihr Ziel waren der Sturz der Diktatur und die Schaffung einer parlamentarischen Demokratie, aber sie wussten, dass daran nicht zu denken war, solange die Kommunisten in den Nachbarländern noch fest im Sattel saßen. Zudem war ihnen klar, dass sie für eine Konfrontation mit ungewissem Ausgang auch nicht genügend Rückhalt in der Bevölkerung hatten.

          Misstrauen und Furcht

          In den Untergrundorganisationen der Solidarność waren zwar mehr als hunderttausend Menschen aktiv, doch die Masse der Polen war vor allem mit dem Überleben beschäftigt. Nach den hochfliegenden Hoffnungen während der Monate der Freiheit nach den großen Streiks im August 1980, als Solidarność als legale nichtkommunistische Organisation mitten im Sowjetblock zehn Millionen Mitglieder hatte, und nach der nationalen Depression, die auf die Verhängung des Kriegsrechts und die blutige Niederschlagung der Proteste im Dezember 1981 folgte, waren Misstrauen und Furcht die vorherrschenden Gefühle. Gleichzeitig wurden radikale Kräfte stärker. Das zeigte sich im Sommer 1988, als vor allem junge Arbeiter den Aufforderungen Walesas nicht folgten, die Streiks zu beenden.

          Als einzigen möglichen Weg zur Verhinderung einer nationalen Katastrophe sahen die wichtigsten Strömungen des antikommunistischen Widerstands daher einen Dialog mit den Machthabern. Das größte Hindernis für den Beginn der Verhandlungen war eine Angelegenheit, die für beide Seiten eine riesige emotionale Bedeutung hatte - und eine machtpolitische: die Wiederzulassung der Solidarność.

          Die Oppositionsführung konnte dieses Symbol, in dessen Namen ihre Anhänger große Risiken eingegangen waren, nicht preisgeben, und sie brauchten eine legale organisatorische Basis. Genau das wollten auf der anderen Seite die Kommunisten nicht, für die die Legalisierung der Organisation, zu deren Auflösung sie sieben Jahre zuvor die Armee eingesetzt hatten, das Eingeständnis ihrer Niederlage gewesen wäre.

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