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Europa und Asien : Rückkehr an den Rand

Sieht aus wie Gras, hat aber viel Mühe gekostet und verspricht nun reiche Ernte: Reis Bild: Plainpicture

Wächst die Welt wirklich zusammen? Asien und Europa sind immer noch Paralleluniversen. Die vergangenen zehn Jahre markieren nicht nur den Aufstieg Asiens, sondern auch den Abstieg Europas.

          7 Min.

          Als vor zehn Jahren der Umzug nach Asien näherrückte, reiste ich nach Delhi, um mich von meinem Vorgänger einweisen zu lassen. Ob ich etwas aus der Heimat mitbringen solle, hatte ich gefragt und zur Antwort erhalten: italienische Salami und deutsches Graubrot. Mit diesen beiden Preziosen in der Hand klingelte ich an der Tür im Diplomatenviertel Chanakyapuri, es war ein brütend heißer Tag. Ein Inder öffnete, der weder nach Butler aussah noch nach Koch oder Fahrer, aber alle drei Funktionen in sich vereinte. Er führte vorbei an einer Reihe von Reitstiefeln ins Schlafzimmer des Hausherrn. Es war der einzige Raum, in dem die Klimaanlage funktionierte. So verbrachte ich den ersten Abend in meinem neuen Berichtsgebiet auf einer Bettkante und teilte unter kühlem Gebläse eine italienische Wurst.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Am nächsten Tag wurde ich einem Bekannten vorgestellt, dem „Defence Correspondent“ der bengalischen Tageszeitung „The Statesman“. Wir trafen uns an der Bar des Oberoi und saßen bei einem Whisky in grau gewordenen Clubstühlen. Weil in diesen Tagen Indien und Pakistan wieder knapp einem Krieg entgangen waren, drehte sich das Gespäch um die Anzahl der in beiden Ländern lagernden Atomsprengköpfe, und ich versuchte, ein informiertes Gesicht aufzusetzen. Ich bekam eine Ahnung von meinem neuen Leben: Es hatte mit Dienern und Notrationen zu tun, mit einem extremen Klima und einem drohenden Nuklearkrieg in der Nachbarschaft.

          Hunger, Korruption und autoritäre Herrschaft

          Immerhin war es anders als das alte Leben. Zu Hause wohnte man in wohltemperierten Altbauwohnungen, philosophierte über Deutschlands wiederentdeckte Bürgerlichkeit und wartete, ob Kanzler Schröder in seiner zweiten Legislaturperiode so etwas wie einen politischen Einfall haben würde. Der 9/11-Schock hatte etwas nachgelassen, der dot.com-Crash war halb verdaut, Europa ging es nicht blendend, aber von elementaren Zweifeln, gar einer Sinnkrise war zu Hause nichts zu spüren.

          Asien im Sommer 2002 war aus deutscher Sicht ein undefinierter Kontinent, mit wenig Glanz, ein paar vereinzelten Erfolgsgeschichten und vielen Berichten über Hunger, Korruption und autoritäre Herrschaft. Einige im Westen raunten, dass sich inmitten dieses Chaos das wirtschaftliche und politische Zentrum des 21. Jahrhunderts herausbilden würde, aber verbreitet war die Sichtweise noch nicht. „Ewig werden die Asiaten ihre Plastikschraubenzieher auch nicht verkaufen können“, war einer der Sätze, mit denen ein Korrespondent in diesen Jahren in die Ferne verabschiedet wurde.

          Zumindest von Delhi aus betrachtet schienen die Skeptiker recht zu haben. Zukunft war anderswo. Leprakranke krochen auf den Straßen und klopften an die Autotür. Die Nahrungsaufnahme, selbst in großen Hotels, glich russischem Roulette: Früher oder später war der Magen verdorben, ein Zustand, für den das Wort „Delhi-Belly“ im Umlauf war. An Staub, Dreck und Schmiere musste man sich gewöhnen. „India Shining“ (Indien strahlt) hieß bald der Wahlslogan der regierenden Hindunationalisten. Sie verloren die Wahlen krachend.

          Indien verstörte mit Rückständigkeit und Elend. Aber es schärfte auch den Blick für archaische Kontinuitäten, die zu Hause verdrängt wurden: für die Überlebenskraft des Rohen, für die anhaltende Nähe von Gewalt, von Krieg. Zu beobachten war ein ungestümer Nationalismus, eine als Notwendigkeit getarnte Lust am Kräftemessen, mit Pakistan, mit China. Der mentale Kosmos Europas, sein Glauben an das friedliche, auf Recht und Ratio gründende Zusammenleben der Menschen, schien in diesem Teil der Welt unendlich weit weg. Es war der deutlich größere Teil der Welt.

          Die meisten Länder der Region litten damals auf die eine oder andere Weise unter Unruhen, Unterdrückung oder nackter Gewalt: Sri Lanka mit seinem Bürgerkrieg, Nepal mit seinen Maoisten, Burma und Nordkorea mit seinen Diktatoren, Bangladesch, Indonesien, Südthailand und die Philippinen mit ihren islamischen Extremisten; von Pakistan und Afghanistan nicht zu reden. Doch das war nur das eine Gesicht Asiens.

          Das andere Gesicht zeigte sich im Alltag. Die Phasen der Stromausfälle verkürzten sich, die Geldautomaten vermehrten sich in beachtlichem Tempo, überall in Delhi wurden U-Bahn-Tunnel gegraben. Bedienstete begannen, ihre Kinder auf Universitäten zu schicken. In Südostasien setzte sich manche Neuerung schneller durch als in Europa, erste Regierungssprecher kommunizierten über Facebook. In den Metropolen, selbst in Urlaubsorten, war die drahtlose Internetverbindung Standard, als in Deutschland noch gefragt wurde: W-Lan?

          Unbeschwert bergauf ging es nicht

          Das zukunftsfrohe Gesicht Asiens verbarg sich auch hinter technokratischen Formeln, hinter der „FTA“-Bewegung, die die Region über Freihandelsabkommen immer enger zusammenschließt, oder hinter dem „Asean-plus-Dialog“, der die politische Integration vorantreibt. Und es versteckte sich hinter Umfragen und Statistiken: Chinas Schulen bilden laut Pisa-Studie die besten Schüler der Welt aus - nicht nur im Pauken, sondern auch im selbständigen Denken. Indonesiens Volkswirtschaft überholte unlängst die australische, und Indien wird demnächst Amerika als größte Facebook-Nation ablösen (Nummer drei ist Indonesien). In Indonesien und Indien leben laut einer internationalen Umfrage die glücklichsten Menschen der Welt.

          Unbeschwert bergauf ging es für Asien nicht. Fast überall mussten die Gesellschaften Rückschläge verkraften und Umwege gehen. Das extremistische Geschwür in Afghanistan wird mit dem Abzug der internationalen Truppe kaum abheilen. Nordkorea scheint auch mit seinem Generationswechsel an der Spitze nicht in die aufgeklärte Moderne vorzustoßen; es bleibt eine Bedrohung für die Nachbarschaft.

          Sri Lanka ist die tamilischen Tiger los, entfernt sich aber immer weiter von der Demokratie. China, der wirtschaftliche Leuchtturm der Region, lernt gerade zum ersten Mal seit mehr als zwanzig Jahren, mit geringerem Wachstum zu leben. Und Indien, das trotz aller Verwerfungen erfolgreiche Jahre hatte - gekrönt von der Aufnahme in den Atomwaffenclub -, wird von alten Krankheiten heimgesucht, vor allem von der Korruption.

          Von ihrem Kurs konnte dies die Region nicht abbringen. Die großen Länder Asiens - von Pakistan abgesehen - haben in den vergangenen zehn Jahren nicht nur wirtschaftlich, sondern politisch an Statur gewonnen. Institutioneller Ausdruck ist die G20, die heute im nichtwestlichen Teil der Welt (nicht zuletzt wegen der Mitgliedschaft Indiens und Indonesiens) über mehr Autorität verfügt als die G8 und selbst der UN-Sicherheitsrat. In den zentralen globalen Fragen wie der Handelspolitik, der Abrüstung oder dem Klimaschutz ist kein Ergebnis mehr ohne oder gar gegen Asien möglich.

          Über alle regionalen Spannungen hinweg konturierte sich dabei so etwas wie ein asiatisches Selbstvertrauen, begleitet von wachsenden Zweifeln an einer immer noch vom Westen dominierten Welt. Nachspüren lässt sich dem in einer Zeitung wie dem „Jakarta Globe“, der nach dem jüngsten G-8-Gipfel in Camp David in großen Lettern auf der ersten Seite fragte: „Warum entscheidet die G8 für die Welt?“ Die Titelgeschichte wurde mit den Worten angekündigt: „Der schwindende Einfluss eines ehemaligen Elite-Clubs“.

          Europäische Journalisten und Diplomaten in Asien geraten früher oder später in einen schizophrenen Zustand: Für sie addieren sich die Widersprüche der Region zu einer kraftvollen Transformation, die den zukünftigen Mittelpunkt der Welt erahnen lässt. Sie berichteten über die steil ansteigende Besuchstätigkeit in Asien, lesen die (meist amerikanischen) Bücher und Fachartikel, die ins „Pazifische Jahrhundert“ blicken, und fragen sich: Warum findet diese weltpolitische Evolution zu Hause kein angemessenes Echo? Verweigern sich die in der Heimat der Realität, oder sind wir Ortsansässigen betriebsblind geworden? Wem sind die Maßstäbe abhandengekommen?

          „Die wahre Realität“

          Die Verwirrung nimmt zu, wenn Reisen nach Deutschland anstehen. Der Kurzzeit-Heimkehrer taucht dann wieder in das immer noch vertraute Paralleluniversum Europa ein. Anders als in Amerika oder Kanada, Australien oder Großbritannien begegnet man in Deutschland kaum Asiaten, und schon nach einigen Tagen kann man die immer ferner werdende Welt nicht mehr verstehen.

          Wer an einem lauen Maitag auf dem Berliner Gendarmenmarkt Spargel isst und sich dabei von Freunden die letzte Inszenierung am Deutschen Theater beschreiben lässt, fragt sich bald: Was interessieren mich die Asiaten? Sollen sie doch in ihren verstopften Straßen, ihren grauen Häusern, in ihren kulturlosen Megastädten die Übernahme der Welt vorbereiten. Für uns Deutsche werden die Sieben-Uhr-Nachrichten auch weiterhin von den Mainzelmännchen eingeleitet.

          Es ist diese Macht der Geographie, die auch die reisenden Politiker erfasst. Gelandet in der Fremde, lassen sie sich rasch anstecken von der Energie der Region und relativieren die deutschen Wichtigkeiten, um schon auf dem Heimflug in die vertrauten mentalen Umlaufbahnen zurückzufinden. „Ich weiß, dass dies hier die wahre Realität ist“, verriet einmal ein deutscher Minister auf Besuch im pazifischen Asien. „Aber ich kann das den deutschen Wählern nicht vermitteln.“

          Es dauerte Jahrzehnte, bis Europa begreifen konnte, dass der neue Weltmittelpunkt in den Vereinigten Staaten liegt. Zwei Demonstrationen militärischer Stärke waren dafür notwendig, begleitet von wachsender Warenpräsenz, wissenschaftlichen Errungenschaften und kultureller Hegemonie. Die Deutschen betrachten heute die Kurse an der Frankfurter Börse und denken die Wall Street selbstverständlich mit. Sie sehen einen deutschen Film und fragen sich, ob er auch in Hollywood funktioniert hätte. Sie reisen zum ersten Mal nach New York und haben das Gefühl, die Stadt schon lange zu kennen. Erst die Allgegenwart der Bilder hat die Macht der Geographie besiegt.

          Bis Asien dorthin gelangt, wird Zeit vergehen. Es ist noch arm an Bildern, die Überlegenheit ausstrahlen. Pekings moderne Prachtbauten wirken epigonal, die neuen Flughäfen der Region wie pure Prestigeprojekte. Asiatische Modedesigner und Filmemacher, Künstler oder Sportler sind Randfiguren auf der internationalen - immer noch westlichen - Bühne geblieben. Produkte aus China, Japan und Korea haben bei aller Omnipräsenz etwas Gesichtsloses behalten. Es fehlt an Reizen, vielleicht auch an einem Versprechen. Und doch wäre es klug, sich auf das Neue einzustellen.

          Die Wirtschaft tut es ja schon. Sie weiß, dass der europäische Anteil an der Weltproduktion so unwiederbringlich schrumpft wie der am Weltkonsum. Für die ersten deutschen Autobauer ist China zum größten Absatzmarkt geworden. Auch Unternehmer aus dem Mittelstand reisen in immer kürzerer Frequenz in den Fernen Osten, weil die Kaufkraft dort steigt und günstige Produktionsbedingungen winken. Geschäftsleute sehen manchmal klarer, weil sie keine Bilder brauchen. Sie leben in Zahlen, und die geben eine eindeutige Richtung vor.

          Die Europäer scheinen es nicht nötig zu haben

          Die vergangenen zehn Jahre markieren nicht nur den Aufstieg Asiens, sondern auch den Abstieg Europas. Die Bemühungen um die Rettung der gemeinsamen Währung, vielleicht der EU als Ganzes, drohen den europäischen Blick jetzt noch tiefer nach innen zu lenken. Die Bewältigung der europäischen Krise ist auch im Interesse Asiens (und Amerikas) und damit von weltpolitischer Bedeutung, aber sie ersetzt keine Weltpolitik. Zwischen Delhi und Jakarta wundert man sich über die Nabelschau der Europäer und das lustlose Asien-Engagement der Politik. Das anfängliche Unverständnis ist mittlerweile Achselzucken gewichen: Die Europäer scheinen es nicht nötig zu haben, in der Welt von morgen ihre Marken zu setzen.

          Manchmal denke ich an meinen Aufenthalt in Neuseeland. Ich war geographisch viel weiter weg als in Indien, und doch fühlte ich mich Deutschland näher. Dann begegnete ich einem Berliner Diplomaten. Wegen der Zeitverschiebung, berichtete er mit einem Anflug von Resignation, habe er in den Jahren seiner Entsendung kein einziges Mal mit dem Auswärtigen Amt telefoniert. Kurz darauf traf ich einen neuseeländischen Diplomaten. Begeistert sprach er von den großen Chancen, die in seiner Nachbarschaft lägen - und meinte vor allem China. Ich schlug nach: Von Wellington nach Schanghai fliegt man sechzehn Stunden - von Frankfurt nach Schanghai sind es elf. Eines Tages werden wir alle Neuseeländer sein.

          Der Autor, fast zehn Jahre lang Asien-Korrespondent der F.A.Z., wechselt in diesen Tagen nach London. Bei Rowohlt veröffentlichte er „Die Stunde der Asiaten“.

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