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Europa und Asien : Rückkehr an den Rand

Es dauerte Jahrzehnte, bis Europa begreifen konnte, dass der neue Weltmittelpunkt in den Vereinigten Staaten liegt. Zwei Demonstrationen militärischer Stärke waren dafür notwendig, begleitet von wachsender Warenpräsenz, wissenschaftlichen Errungenschaften und kultureller Hegemonie. Die Deutschen betrachten heute die Kurse an der Frankfurter Börse und denken die Wall Street selbstverständlich mit. Sie sehen einen deutschen Film und fragen sich, ob er auch in Hollywood funktioniert hätte. Sie reisen zum ersten Mal nach New York und haben das Gefühl, die Stadt schon lange zu kennen. Erst die Allgegenwart der Bilder hat die Macht der Geographie besiegt.

Bis Asien dorthin gelangt, wird Zeit vergehen. Es ist noch arm an Bildern, die Überlegenheit ausstrahlen. Pekings moderne Prachtbauten wirken epigonal, die neuen Flughäfen der Region wie pure Prestigeprojekte. Asiatische Modedesigner und Filmemacher, Künstler oder Sportler sind Randfiguren auf der internationalen - immer noch westlichen - Bühne geblieben. Produkte aus China, Japan und Korea haben bei aller Omnipräsenz etwas Gesichtsloses behalten. Es fehlt an Reizen, vielleicht auch an einem Versprechen. Und doch wäre es klug, sich auf das Neue einzustellen.

Die Wirtschaft tut es ja schon. Sie weiß, dass der europäische Anteil an der Weltproduktion so unwiederbringlich schrumpft wie der am Weltkonsum. Für die ersten deutschen Autobauer ist China zum größten Absatzmarkt geworden. Auch Unternehmer aus dem Mittelstand reisen in immer kürzerer Frequenz in den Fernen Osten, weil die Kaufkraft dort steigt und günstige Produktionsbedingungen winken. Geschäftsleute sehen manchmal klarer, weil sie keine Bilder brauchen. Sie leben in Zahlen, und die geben eine eindeutige Richtung vor.

Die Europäer scheinen es nicht nötig zu haben

Die vergangenen zehn Jahre markieren nicht nur den Aufstieg Asiens, sondern auch den Abstieg Europas. Die Bemühungen um die Rettung der gemeinsamen Währung, vielleicht der EU als Ganzes, drohen den europäischen Blick jetzt noch tiefer nach innen zu lenken. Die Bewältigung der europäischen Krise ist auch im Interesse Asiens (und Amerikas) und damit von weltpolitischer Bedeutung, aber sie ersetzt keine Weltpolitik. Zwischen Delhi und Jakarta wundert man sich über die Nabelschau der Europäer und das lustlose Asien-Engagement der Politik. Das anfängliche Unverständnis ist mittlerweile Achselzucken gewichen: Die Europäer scheinen es nicht nötig zu haben, in der Welt von morgen ihre Marken zu setzen.

Manchmal denke ich an meinen Aufenthalt in Neuseeland. Ich war geographisch viel weiter weg als in Indien, und doch fühlte ich mich Deutschland näher. Dann begegnete ich einem Berliner Diplomaten. Wegen der Zeitverschiebung, berichtete er mit einem Anflug von Resignation, habe er in den Jahren seiner Entsendung kein einziges Mal mit dem Auswärtigen Amt telefoniert. Kurz darauf traf ich einen neuseeländischen Diplomaten. Begeistert sprach er von den großen Chancen, die in seiner Nachbarschaft lägen - und meinte vor allem China. Ich schlug nach: Von Wellington nach Schanghai fliegt man sechzehn Stunden - von Frankfurt nach Schanghai sind es elf. Eines Tages werden wir alle Neuseeländer sein.

Der Autor, fast zehn Jahre lang Asien-Korrespondent der F.A.Z., wechselt in diesen Tagen nach London. Bei Rowohlt veröffentlichte er „Die Stunde der Asiaten“.

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