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Europa und Asien : Rückkehr an den Rand

Von ihrem Kurs konnte dies die Region nicht abbringen. Die großen Länder Asiens - von Pakistan abgesehen - haben in den vergangenen zehn Jahren nicht nur wirtschaftlich, sondern politisch an Statur gewonnen. Institutioneller Ausdruck ist die G20, die heute im nichtwestlichen Teil der Welt (nicht zuletzt wegen der Mitgliedschaft Indiens und Indonesiens) über mehr Autorität verfügt als die G8 und selbst der UN-Sicherheitsrat. In den zentralen globalen Fragen wie der Handelspolitik, der Abrüstung oder dem Klimaschutz ist kein Ergebnis mehr ohne oder gar gegen Asien möglich.

Über alle regionalen Spannungen hinweg konturierte sich dabei so etwas wie ein asiatisches Selbstvertrauen, begleitet von wachsenden Zweifeln an einer immer noch vom Westen dominierten Welt. Nachspüren lässt sich dem in einer Zeitung wie dem „Jakarta Globe“, der nach dem jüngsten G-8-Gipfel in Camp David in großen Lettern auf der ersten Seite fragte: „Warum entscheidet die G8 für die Welt?“ Die Titelgeschichte wurde mit den Worten angekündigt: „Der schwindende Einfluss eines ehemaligen Elite-Clubs“.

Europäische Journalisten und Diplomaten in Asien geraten früher oder später in einen schizophrenen Zustand: Für sie addieren sich die Widersprüche der Region zu einer kraftvollen Transformation, die den zukünftigen Mittelpunkt der Welt erahnen lässt. Sie berichteten über die steil ansteigende Besuchstätigkeit in Asien, lesen die (meist amerikanischen) Bücher und Fachartikel, die ins „Pazifische Jahrhundert“ blicken, und fragen sich: Warum findet diese weltpolitische Evolution zu Hause kein angemessenes Echo? Verweigern sich die in der Heimat der Realität, oder sind wir Ortsansässigen betriebsblind geworden? Wem sind die Maßstäbe abhandengekommen?

„Die wahre Realität“

Die Verwirrung nimmt zu, wenn Reisen nach Deutschland anstehen. Der Kurzzeit-Heimkehrer taucht dann wieder in das immer noch vertraute Paralleluniversum Europa ein. Anders als in Amerika oder Kanada, Australien oder Großbritannien begegnet man in Deutschland kaum Asiaten, und schon nach einigen Tagen kann man die immer ferner werdende Welt nicht mehr verstehen.

Wer an einem lauen Maitag auf dem Berliner Gendarmenmarkt Spargel isst und sich dabei von Freunden die letzte Inszenierung am Deutschen Theater beschreiben lässt, fragt sich bald: Was interessieren mich die Asiaten? Sollen sie doch in ihren verstopften Straßen, ihren grauen Häusern, in ihren kulturlosen Megastädten die Übernahme der Welt vorbereiten. Für uns Deutsche werden die Sieben-Uhr-Nachrichten auch weiterhin von den Mainzelmännchen eingeleitet.

Es ist diese Macht der Geographie, die auch die reisenden Politiker erfasst. Gelandet in der Fremde, lassen sie sich rasch anstecken von der Energie der Region und relativieren die deutschen Wichtigkeiten, um schon auf dem Heimflug in die vertrauten mentalen Umlaufbahnen zurückzufinden. „Ich weiß, dass dies hier die wahre Realität ist“, verriet einmal ein deutscher Minister auf Besuch im pazifischen Asien. „Aber ich kann das den deutschen Wählern nicht vermitteln.“

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