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Europa und Asien : Rückkehr an den Rand

Indien verstörte mit Rückständigkeit und Elend. Aber es schärfte auch den Blick für archaische Kontinuitäten, die zu Hause verdrängt wurden: für die Überlebenskraft des Rohen, für die anhaltende Nähe von Gewalt, von Krieg. Zu beobachten war ein ungestümer Nationalismus, eine als Notwendigkeit getarnte Lust am Kräftemessen, mit Pakistan, mit China. Der mentale Kosmos Europas, sein Glauben an das friedliche, auf Recht und Ratio gründende Zusammenleben der Menschen, schien in diesem Teil der Welt unendlich weit weg. Es war der deutlich größere Teil der Welt.

Die meisten Länder der Region litten damals auf die eine oder andere Weise unter Unruhen, Unterdrückung oder nackter Gewalt: Sri Lanka mit seinem Bürgerkrieg, Nepal mit seinen Maoisten, Burma und Nordkorea mit seinen Diktatoren, Bangladesch, Indonesien, Südthailand und die Philippinen mit ihren islamischen Extremisten; von Pakistan und Afghanistan nicht zu reden. Doch das war nur das eine Gesicht Asiens.

Das andere Gesicht zeigte sich im Alltag. Die Phasen der Stromausfälle verkürzten sich, die Geldautomaten vermehrten sich in beachtlichem Tempo, überall in Delhi wurden U-Bahn-Tunnel gegraben. Bedienstete begannen, ihre Kinder auf Universitäten zu schicken. In Südostasien setzte sich manche Neuerung schneller durch als in Europa, erste Regierungssprecher kommunizierten über Facebook. In den Metropolen, selbst in Urlaubsorten, war die drahtlose Internetverbindung Standard, als in Deutschland noch gefragt wurde: W-Lan?

Unbeschwert bergauf ging es nicht

Das zukunftsfrohe Gesicht Asiens verbarg sich auch hinter technokratischen Formeln, hinter der „FTA“-Bewegung, die die Region über Freihandelsabkommen immer enger zusammenschließt, oder hinter dem „Asean-plus-Dialog“, der die politische Integration vorantreibt. Und es versteckte sich hinter Umfragen und Statistiken: Chinas Schulen bilden laut Pisa-Studie die besten Schüler der Welt aus - nicht nur im Pauken, sondern auch im selbständigen Denken. Indonesiens Volkswirtschaft überholte unlängst die australische, und Indien wird demnächst Amerika als größte Facebook-Nation ablösen (Nummer drei ist Indonesien). In Indonesien und Indien leben laut einer internationalen Umfrage die glücklichsten Menschen der Welt.

Unbeschwert bergauf ging es für Asien nicht. Fast überall mussten die Gesellschaften Rückschläge verkraften und Umwege gehen. Das extremistische Geschwür in Afghanistan wird mit dem Abzug der internationalen Truppe kaum abheilen. Nordkorea scheint auch mit seinem Generationswechsel an der Spitze nicht in die aufgeklärte Moderne vorzustoßen; es bleibt eine Bedrohung für die Nachbarschaft.

Sri Lanka ist die tamilischen Tiger los, entfernt sich aber immer weiter von der Demokratie. China, der wirtschaftliche Leuchtturm der Region, lernt gerade zum ersten Mal seit mehr als zwanzig Jahren, mit geringerem Wachstum zu leben. Und Indien, das trotz aller Verwerfungen erfolgreiche Jahre hatte - gekrönt von der Aufnahme in den Atomwaffenclub -, wird von alten Krankheiten heimgesucht, vor allem von der Korruption.

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