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Abseits der Europa-Spiele : Mitten im schmutzigen Nichts

Alles Fassade: Im Haydar-Alijew-Zentrum in Baku ist ein Museum untergebracht, das dem verstorbenen Landesvater huldigt. Bild: Jahangir Yusif

Aserbaidschan lässt sich als Ausrichter der ersten Europa-Spiele nicht lumpen. Tausende Sportler wurden ins glitzernde Baku eingeladen. Spiele fürs Image einer Autokratie.

          8 Min.

          Vom größten Sieg Aserbaidschans bis in das heulende Elend sind es rund acht Kilometer Luftlinie. Am nordöstlichen Ende des Heydar-Alijew-Prospekts von Baku steht der neueste Stolz der Nation: Das „Olimpiya-Stadionu“ von Baku. Der Ort, an dem Mehriban Alijewa vergangenen Freitag zum Volk gesprochen hat, während der Eröffnungsfeier der ersten Europa-Spiele.

          „Die Eröffnung dieser Spiele“, sagte die First Lady Aserbaidschans, Vorsitzende des Organisationskomitees, „ist ein Sieg des unabhängigen Aserbaidschans und jedes einzelnen Aserbaidschaners.“ Die Feier hat 100 Millionen Manat gekostet, also 85 Millionen Euro.

          Drei Tage später und acht Kilometer entfernt wühlen ein paar Männer im Dreck. Hinter ihnen nicken die rostigen Fördertürme auf und nieder. Die Männer wühlen in Ölklumpen. Der Taxifahrer wundert sich, warum der ortskundige Beifahrer den ausländischen Reporter ausgerechnet hierherlotst. „Warum zeigst du ihm die hässlichen Orte, nicht die schönen?“ Der Beifahrer behauptet, wir wollten seinen Cousin besuchen, der in der Nähe wohne. Er lügt. Wir steigen aus.

          „Hier gibt es überall jemanden, der aufpasst“

          Ein paar Hühner picken im Staub, Tauben wackeln über die Piste, drei alte Busse rosten daneben. Im Müll. Zwischen Öllachen. Eine Senke breitet sich vor uns aus, dreihundert Meter oder vierhundert. Staub, Rost, Öl. Müll. Bierflaschen (Xirdalan, Miller), Waschmittelpackungen (Ariel), Puschen, Sandalen, Handschuhe, Plastikbeutel, Cola-Flaschen (Pepsi und Coca) und Wasser.

          Der Rest ist undefinierbar. An manchen Stellen sickert Öl durch. An anderen Abwasser. Es stinkt. Zweihundert Meter entfernt, bei den nächsten Häusern, spielen vier Jungs Fußball. „Hier gibt es überall jemanden, der aufpasst“, sagt der Beifahrer.

          Und jetzt? Gehen. Einfach gehen, der Nase nach. Durch ein armseliges, altes Ölfeld von Baku, während der Europa-Spiele, das in keinem Werbevideo auftaucht. Wo bitterarme Menschen im Öl wühlen. Bis uns jemand aufhält. Besser nicht. Wenn wir hier angehalten werden, gibt es Ärger. Wenn einer pfeift – nicht umdrehen.

          8 Kilometer vom Glanz entfernt

          Wer vom Ende des Heydar-Alijew-Prospekts Richtung Osten schwenkt – und das tun alle 6000 Sportler und ihre Funktionäre bis zum 28. Juni, wenn die Spiele zu Ende gehen –, kommt auf dem Weg zum Heydar-Alijew-Flughafen an moderneren Fördertürmen vorbei, die nachts grün funkeln. Dahinter beginnen die Sichtschutzwände, die überall stehen, wo Sportler und Funktionäre Altes, Unfertiges, Schmutziges sehen könnten.

          Hier, Richtung Ramana im Sabunçu-Distrikt, dem ersten Ort im großen schmutzigen Nichts, schützt keine Wand. Hierher, wo die Menschen im Öldreck wühlen, wird kein einziger Sportler kommen. Dabei sind es nur acht Kilometer bis zum Athletendorf.

          Wer den Heydar-Alijew-Prospekt vom Olympiastadion Richtung Stadtmitte nimmt, und das machen viele im Lexus SUV und Mercedes AMG, BMW M und Porsche, hat elf Kilometer vor sich bis zum Spielzeuggeschäft Hugs. Tretautos stehen im Schaufenster. Von links nach rechts: Ferrari, Bentley, Land Rover, Lamborghini. Nie hat Baku mehr gefunkelt, als in den Tagen der Europa-Spiele. Das Fairmont-Hotel und die beiden anderen 190 Meter hohen Flammentürme, die Heydar Alijews Sohn Ilham, der seinem Vater 2003 als Potentat folgte, jüngst auf den Hügel von Sabayil bauen ließ, leuchten nachts in Blau-Rot-Grün, den Nationalfarben Aserbaidschans, oder bilden das Logo der Europa-Spiele.

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