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Boris Johnson und die EU : Trotz allem – Partner

Boris Johnson war schon öfter in Brüssel: Erst als Korrespondent und später als Außenminister Großbritanniens. Bild: EPA

In Brüssel hat man Boris Johnson in unangenehmer Erinnerung behalten. Dennoch sollten die „Europäer“ ihm, wo immer möglich, die Hand reichen – nur zu einem nicht.

          Mit der EU und ihren Institutionen hat sich Boris Johnson als junger Korrespondent „beschäftigt“ – auf eine Weise, die durch Häme, Spott und wahrheitswidrige Verdrehungen auffiel. Als Außenminister der Regierung May, von 2016 bis 2018, fiel er wieder auf: durch Erfolglosigkeit und stramme Rhetorik. Viele in „Europa“, die mit ihm zu tun hatten, haben ihn in unangenehmer Erinnerung behalten. Die Vorstellung, dass Johnson nun Premierminister des Vereinigten Königreichs ist, kommt ihnen wie eine Herausforderung des Schicksals vor. Aber so ist es nun mal.

          Es versteht sich von selbst, dass die Reaktionen auf seinen ultimativen Aufstieg in der britischen Politik dennoch von freundlicher Professionalität geprägt sind. So gehört es sich unter Partnern, die auch nach dem Austritt des Königreichs aus der EU eng und vertrauensvoll zusammenarbeiten, eben Partner bleiben wollen. Und dennoch wird die EU der 27 dem Nachfolger Theresa Mays schon klarmachen, dass für sie das alte Brexit-Abkommen Bestand hat.

          Von den Drohungen Johnsons, während des Kampfes um die Führung der Konservativen ausgestoßen, es auf einen ungeregelten Austritt ankommen zu lassen, werden sie sich nicht beeindrucken lassen. Ein solcher Austritt träfe vor allem die britische Wirtschaft, jedenfalls weit mehr als die der Länder des Kontinents. Wie also wird der neue Mann in 10 Downing Street reagieren, wenn die Schwere des Amts – Stichwort Verantwortung – auf ihn zu wirken beginnt, wenn es nicht mehr ausreicht, die Kompliziertheit der Wirklichkeit mit scharfen Formulierungen des Kolumnisten aufzulösen?

          Die britisch-iranische Krise liefert schon mal einen Vorgeschmack auf das, was auf Johnson zukommen wird. Die EU hat Geduld mit ihrem Mitglied geübt, die Welt aber wartet nicht, bis sich die britische Politik ausgemärt hat. Am Golf braut sich etwas zusammen. Außenminister Hunt, der Rivale um die Parteiführung, hat eine europäisch geführte Sicherheitsmission ins Gespräch gebracht.

          Wie eng also wird künftig das Verhältnis des Königreichs zu „Europa“ sein, und wie nahe wird Johnson der Politik des amerikanischen Präsidenten kommen wollen? Trump hat ihn mit Schmeicheleien überhäuft; an denen sollte sich Johnson nicht berauschen. Die „Europäer“ wiederum sollten ihm, wo immer möglich, die Hand reichen, nur zu einem ganz gewiss nicht: das Königreich in den Abgrund zu stürzen.

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

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