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Flüchtlinge am Eurotunnel : Eine Schande für Europa

Ziel Großbritannien: Flüchtlinge laufen in Richtung des Eurotunnels. Bild: AFP

Europa braucht endlich gemeinsame Regeln für Asyl und Abschiebung. Nirgends wird das klarer als in Calais. Dort ist der tägliche Ansturm von Flüchtlingen unerträglich geworden.

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          Die Hauptattraktion der nordfranzösischen Hafenstadt Calais ist ein Loch in der Erde: Es handelt sich um den Eingang zum Eurotunnel, der das europäische Festland mit Großbritannien verbindet. Jährlich fahren dort ein paar Millionen Reisende ein und aus. Für viele Flüchtlinge scheint der Tunnel zugleich das Tor zum Paradies zu sein. Sie kommen aus Afrika, Afghanistan oder Syrien, und einige hundert probieren jeden Abend, die hohen Stahlgitterzäune und den Stacheldraht zu überwinden.

          In einem grausamen Wettlauf versuchen sie, den zähnefletschenden Wachhunden, dem Tränengas und den Jagdkommandos der Polizei zu entkommen. Manchen gelingt es, auf dem Dach von Güterwaggons oder versteckt in Lastwagen unter dem Ärmelkanal hindurchzugelangen. Die meisten scheitern, etliche sterben. Die anderen kehren noch in der Nacht zurück in zerlumpte Siedlungen am Rande der Stadt, geschlagen, erschöpft, zerschunden.

          Die Siedlungen sind Orte des Elends. Calais ist das Schandmal einer zerstrittenen europäischen Flüchtlingspolitik. Erfahrene Katastrophenhelfer sagen, Zustände wie dort gebe es nicht einmal in Notlagern in Jordanien oder Kenia, wo Hunderttausende versorgt werden müssen.

          Videografik : Calais, Nadelöhr für Flüchtlinge

          In Großbritannien und Frankreich herrscht Aufregung. Die gilt allerdings kaum dem individuellen Leid der Flüchtlinge, sondern uralten Grundsatzfragen und unlösbaren Widersprüchen. Frankreichs linke Regierung will den Ruf der Nation als Hort der Brüderlichkeit und Toleranz verteidigen. Sie muss aber jede Nacht schwer gerüstete Polizeieinheiten gegen Migranten schicken, die um ihr Leben rennen.

          Rauher Ton in britischer Flüchtlingsdebatte

          Großbritanniens konservative Führung präsentiert sich dagegen als knallharter Inselverteidiger. Sie lässt aber durch die Vordertüren des Flughafens Heathrow und laxe Passgesetze vermutlich mehr illegale Einwanderer ins Land als die meisten anderen europäischen Länder. Der Ton ist rauh: Von „Menschenschwärmen“ sprach der britische Premier David Cameron, als handelte es sich um Insekten. Vom „Flüchtlingswahnsinn“ ist in britischen Regenbogenblättern wie der „Daily Mail“ die Rede.

          Seriöse Beobachter berichten, dort würde getan, als stünde man vor einem Herbst 1940, als Adolf Hitler eine Invasion versuchte. Neben allseits beliebten Nazi-Vergleichen wurde auch die frühere Abneigung gegen die Franzosen neu belebt. Ihnen wirft man vor, zu lax zu sein und wegzusehen.

          Gegenseitige Vorwürfe aus Großbritannien und Frankreich

          Der Vorwurf ist fast so alt wie der Eurotunnel: Schon vor anderthalb Jahrzehnten hatten Tausende in und um Calais auf eine Gelegenheit zur Weiterreise nach Großbritannien gewartet. Damals hatte die französische Regierung bei Sangatte für sie ein offizielles Camp errichtet. Schon damals haben sich die französischen Behörden wohl kaum mit letztem Einsatz darum bemüht, die Transit-Migranten von der Ausreise abzuhalten.

          Vor lybischer Küste : Italienische Marine rettet erneut Flüchtlingsboot

          Das störte die Briten jahrelang. Sie fanden es unfair, dass Frankreich den Flüchtlingen gewissermaßen ein Basislager für allnächtliche Versuche zur Verfügung stellte, den Tunnel zu erreichen. Mit einer Art von Menschenhandel wurde Sangatte dann 2002 aufgelöst: Damals ließ London rund tausend Flüchtlinge einreisen, im Gegenzug ließ Paris, vertreten durch den damaligen Innenminister und späteren Präsidenten Sarkozy, das Lager planieren.

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