https://www.faz.net/-gpf-82zph

Verhandlungsführer Tsakalotos : Athens neuer Lehrmeister

Born to be wild: Giannis Varoufakis und Euklid Tsakalotos Bild: Reuters

Euklid Tsakalotos leitet jetzt anstelle von Giannis Varoufakis die Gespräche mit den internationalen Geldgebern. Doch in vielem ähnelt er dem Finanzminister.

          4 Min.

          Im Herbst 2012 war es noch einfach, sich mit führenden Politikern des „Bündnisses der radikalen Linken“ (Syriza) zu treffen. Die Partei war in der Opposition, und ihre Protagonisten gaben sich betont offen. So auch Euklid Tsakalotos, der in einer im Juli 2012 vom Syriza-Chef Alexis Tsipras aufgestellten Schattenregierung zum Leiter eines „Ausschusses für die Kontrolle des Finanzministeriums“ ernannt worden war. Spätestens mit dieser Ernennung war klar: Wenn Syriza etwas wird, wird auch Tsakalotos etwas.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          So kam es auch. Formal ist Tsakalotos zwar nur einer von zwei stellvertretenden Außenministern Griechenlands, zuständig für Außenwirtschaftsbeziehungen. Doch seit Ministerpräsident Tsipras ihn vor wenigen Tagen damit beauftragt hat, die Verhandlungen der griechischen Regierung mit den Gläubigern (und insbesondere der Eurozone) zu koordinieren, weiß man auch im Ausland, was in Athen schon seit langem bekannt war: Diesen Namen wird man noch oft hören, solange Syriza regiert.

          Im Oktober 2012 hatte Tsakalotos zu einem Gespräch in sein Stammcafé in der Athener Innenstadt gebeten, wenige Minuten entfernt vom Parlament. Anders als die Abgeordneten der damaligen Regierungsparteien Nea Dimokratia und Pasok, die auf der Straße Gefahr liefen, beschimpft, bespuckt, mit Joghurt beworfen oder gar verprügelt zu werden, konnte Tsakalotos es sich leisten, einen öffentlich zugänglichen Treffpunkt vorzuschlagen. Syriza-Abgeordnete waren beliebt, sie ernteten von Passanten höchstens eine Tracht Lob, gepaart mit anerkennenden Zurufen. Bei einem Kaffee erzählte Tsakalotos über seine Sicht auf Griechenland, Deutschland, die Welt. Die tagespolitischen Einzelheiten dieses vor mehr als zweieinhalb Jahren geführten Gespräches sind längst überholt, aber die große Linien von Tsakalotos’ Ausführungen bleiben bemerkenswert für alle, die wissen wollen, mit wem sie es da zu tun haben in Athen. Zumal der Minister Tsakalotos sich treu geblieben ist und kaum anders spricht, als er es als Oppositionspolitiker tat. Die Biographie des neuen griechischen Chefunterhändlers ist typisch für viele Syriza-Politiker: Sie sind in einem reichen Elternhaus aufgewachsen, haben die besten Universitäten der Welt besucht, nie finanzielle Schwierigkeiten gekannt und die Politik bisher nur aus akademischer Perspektive betrachtet. Im Fall von Tsakalotos heißt das: Geboren 1960 in Rotterdam, Studium der Wirtschaft, Politik und Philosophie in Oxford, wo er 1989 auch den Doktortitel erwarb. Danach lehrte er an den Universitäten Kent und Athen Volkswirtschaft, schrieb ein halbes Dutzend Bücher und viele Aufsätze in wissenschaftlichen Fachzeitschriften, die mehr Fußnoten als Leser hatten.

          Im Oktober 2012 war Tsakalotos zwar schon Berufspolitiker, doch im Gespräch wirkte er immer noch so, als sei er eben aus einer Vorlesung gekommen und seine Welt ein Campus. Details interessierten ihn wenig, es ging ihm um das große Ganze, weshalb er gern über Franklin Delano Roosevelt und die Weltwirtschaftskrise sprach. „Die Erfahrung der dreißiger Jahre zeigt, dass Austeritätspolitik in einer solchen Lage nur die Arbeitslosigkeit erhöht und soziale Probleme verschärft, dabei aber die Höhe der Staatsschulden im Verhältnis zum Bruttosozialprodukt nicht senkt. Man gerät in einen Teufelskreis. Er wird Schuldenfalle genannt.“ Der griechische Finanzminister Giannis Varoufakis spricht ebenfalls gerne so, auch auf Gipfeltreffen der Eurozone, womit er den anderen Finanzministern auf die Nerven geht.

          Weitere Themen

          Der Preis der Freiheit

          Hessischer Filmpreis : Der Preis der Freiheit

          Weit mehr als ein Dokumentarfilm: Mit „Courage“ macht der Kasseler Regisseur Aliaksei Paluyan auf die dramatische Lage in Belarus aufmerksam. Nun wird er beim Hessischen Filmpreis ausgezeichnet.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.