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Vertrag mit Biontech/Pfizer : EU will mehr Impfdosen – und zahlt nun wohl auch mehr dafür

Die Impf-Kampagne in Hessen nimmt langsam Fahrt auf (Symbolbild). Bild: dpa

Aus Verträgen geht nun hervor, dass die EU im Schnitt 15,50 Euro pro Impfdose von Biontech/Pfizer zahlt. Bei einzelnen Mitgliedsländern sorgt der höhere Preis für Ärger.

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          Der vom Mainzer Unternehmen Biontech entwickelte und vor allem vom amerikanischen Hersteller Pfizer produzierte Covid-Impfstoff ist mittelfristig für die EU das Präparat erster Wahl. Kommissionschefin Ursula von der Leyen gab kürzlich bekannt, dass ihre Behörde demnächst eine weitere Bestellung von 1,8 Milliarden Dosen des Vakzins für die Zeit bis 2023 aufgeben werde. Pfizer-Chef Albert Bourla erklärte kurz darauf, dass Geimpfte etwa binnen eines Jahres zur Auffrischung eine dritte Dosis verabreicht bekommen müssten, um zuverlässigen Impfschutz zu erhalten. Für das Unternehmen dürften sich die Investitionen in die Impfstoffentwicklung also auf Dauer auszahlen. Der Wirkstoff von Biontech und Pfizer ist nicht nur zusammen mit jenem von Moderna der wirksamste und nebenwirkungsärmste. Vor allem haben Biontech und Pfizer bisher am zuverlässigsten geliefert. Knapp zwei Drittel der bisher in der EU verabreichten Impfstoffe kommen von dem deutsch-amerikanischen Konsortium.

          Werner Mussler
          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          Der EU-Großauftrag ist auch der Grund dafür, dass das Unternehmen zusicherte, die Auslieferung eines fürs vierte Quartal des Jahres eingeplanten Kontingents teilweise vorzuziehen und zusätzlich schon bis Ende Juni weitere 50 Millionen Dosen in die EU zu schicken. Bisher hat die EU bei Biontech und Pfizer 600 Millionen Dosen bestellt. Es war nur noch Formsache, dass die Kommission am Montag aus diesem Auftrag eine letzte offene Option auf 100 Millionen Dosen in eine Festbestellung umwandelte.

          Kritik kommt aus Bulgarien

          Dass die EU den Impfstoff von Biontech/Pfizer und Moderna erst im November und damit später als andere Länder bestellte, hatte – neben dem Ringen um die Haftungsbedingungen – vor allem einen Grund. Einige Mitgliedstaaten äußerten Vorbehalte gegen die relativ hohen Preise der Präparate und setzten vor allem auf das weit preiswertere Präparat von Astra-Zeneca. Seitdem klar ist, dass sich eine schnelle Impfung ökonomisch allemal rechnet, hat sich die Diskussion beruhigt.

          Allerdings nicht komplett. Der bisherige bulgarische Ministerpräsident Bojko Borissow kritisierte die Kommission vor einer Woche mit der Aussage, zuerst habe das Pfizer-Vakzin 12 Euro, dann 15,50 Euro gekostet, und im neuen Vertrag akzeptiere die Kommission gar einen Preis von 19,50 Euro je Dosis. Dieser von der EU-Behörde akzeptierte Preisanstieg verursache seinem Land erhebliche Zusatzkosten, monierte Borissow.

          Weniger als Amerika oder Großbritannien zahlen

          Die Kommission hat sich bisher immer geweigert, zu mit den Herstellern vereinbarten Preisen Stellung zu beziehen. Deshalb war ein im Dezember geposteter und später gelöschter Tweet der belgischen Haushaltsstaatssekretärin Eva De Bleeker die einzige amtliche Information über die Impfstoffpreise. Darin wurde für den Biontech-Impfstoff der auch von Borissow genannte Preis von zwölf Euro angegeben.

          Tatsächlich lag der Preis höher – bei jenen 15,50 Euro, die Borissow ebenfalls nennt. Das geht aus dem Liefervertrag der EU mit Biontech/Pfizer hervor, den die italienische Fernsehanstalt Rai am Montag in den sozialen Medien veröffentlicht hat. Darin ist für die ersten 100 Millionen Dosen ein Preis von 17,50 Euro festgelegt, für die zweiten 100 Millionen 13,50 Euro und für weiter kurzfristig bestellte Dosen 15,50 Euro. Der Durchschnittspreis für den bisherigen Vertrag von 600 Millionen Dosen beträgt also 15,50 Euro. Das ist tatsächlich weniger, als Großbritannien und die Vereinigten Staaten bezahlt haben.

          Den Preis von 19,50 Euro für künftige Lieferungen bestätigt die Kommission offiziell nicht. Freilich heißt es in der Behörde, man sei in den vergangenen Monaten ja dafür kritisiert worden, im vergangenen Jahr nicht alles bestellt zu haben, was vielleicht erhältlich war. Diesen Fehler werde man nicht noch einmal machen. 

          Die Rai veröffentlichte am Montag auch den Liefervertrag mit Moderna. Die EU vereinbarte mit dem amerikanischen Hersteller einen Preis von 22,50 Dollar, nach heutigem Kurs etwa 18,70 Euro. Das Moderna-Vakzin, das wie jenes von Biontech/Pfizer auf der mRNA-Technologie beruht, spielt für die künftigen Dispositionen der EU eine geringere Rolle, weil Brüssel künftig nur noch in der EU produzierten Impfstoff bestellen will. Moderna verfügt in Europa über deutlich weniger Produktionskapazitäten als Biontech und Pfizer.

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