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Die EU nach dem Brexit : Englisch bleibt, britischer Humor nicht

Nehmt Abschied, Brüder von den Briten im EU-Parlament Bild: Jens Gyarmaty

Die Briten, die in Brüssel arbeiten, sind in der Kommission hochangesehen: Sie sind so europafreundlich wie kaum jemand sonst auf der Insel. Viele von ihnen werden auch nach dem Brexit bleiben – aber die Machtarithmetik verschiebt sich.

          5 Min.

          Was der Europäischen Union nach dem Brexit am meisten fehlen werde, wurde Margrethe Vestager am Donnerstag gefragt. „Der Sinn für Humor“, antwortete die herausgehobene Vizepräsidentin der EU-Kommission. Sie verwies auf das Kollegium der Kommissare, das sich einmal die Woche trifft. Da ist schon seit einiger Zeit kein Brite mehr dabei, weil Boris Johnson sich weigerte, einen Landsmann zu entsenden. Sie vermisse ihre früheren britischen Kollegen, bekannte die Dänin. Offenbar wird dort nun seltener gelacht. Und schlechter Englisch gesprochen. Sie habe den früheren Kollegen Jonathan Hill mal gefragt, ob ihm das eigentlich auf die Nerven gehe, wenn er höre, wie andere seine Muttersprache verwenden. Nein, habe der geantwortet, es ehre ihn, „dass ihr es alle versucht“. Sehr britisch eben.

          Thomas Gutschker

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.

          Immerhin arbeiten noch rund 700 Briten für die EU-Kommission mit ihren insgesamt rund 33.000 Beamten. Zur Zeit des Brexit-Referendums im Juni 2016 waren es 900. Das erste, was der damalige Kommissionspräsident Juncker am Morgen danach tat, war, allen Mitarbeitern mit britischem Pass eine Jobgarantie zu geben. Normalerweise müssen die EU-Bediensteten aus einem Mitgliedsland kommen. Juncker wusste, was er tat: Die Briten sind in der Kommission hochangesehen, sie sind gut ausgebildet und stets pragmatisch um Lösungen bemüht. Außerdem sind sie so europafreundlich wie kaum jemand sonst auf der Insel. Das zeigte sich, als die Regierung in London versuchte, in Brüssel Fachleute für die Brexit-Verhandlungen abzuwerben – kaum jemand wollte „die Seite wechseln“, wie es ein hoher Kommissionsbeamter formuliert. Tatsächlich sind die Briten auch kaum weniger geworden. Sie haben nur den Pass gewechselt, wenn sie es konnten. Denn wer künftig einen Spitzenposten in der Verwaltung anstrebt, sollte lieber aus einem Mitgliedsland kommen – so will es das ungeschriebene Gesetz.

          Wie die Osterweiterung das Französische verdrängte

          Noch etwas bleibt nach dem Brexit, und zwar in allen Institutionen der Europäischen Union: Englisch nicht nur als eine der Amtssprachen (der Iren wegen), sondern als Arbeitssprache und Lingua franca. Das war nicht immer so. Die sechs Gründungsmitglieder der Europäischen Union verständigten sich noch auf Französisch. Erst mit dem EU-Beitritt der Briten 1973 und den folgenden Erweiterungsrunden wurde Englisch immer dominanter. Die meisten Beamten, die nach der Osterweiterung 2004 neu nach Brüssel kamen, sprachen kein Französisch – mit Ausnahme der Rumänen. So verdrängte Englisch in der Praxis Französisch als dominante Arbeitssprache. In den meisten Sitzungen der Kommission wie des Rates wird jene typisch Brüsseler Variante gesprochen: hochtechnisch und präzise, grammatisch oft eigenwillig – und ohne jeden Anflug britischen Humors.

          Bei den Schals ist der Union Jack noch mit dabei.

          Als die Brexit-Verhandlungen 2017 begannen, wechselte Jean-Claude Juncker bei einer Rede in Florenz nach den ersten Sätzen vom Englischen ins Französische. „Ich werde auf Französisch sprechen, weil Englisch langsam, aber sicher an Bedeutung in Europa verlieren wird“, verkündete der damalige Kommissionspräsident. Das weckte bei Frankophonen Hoffnungen auf eine Rückkehr zur guten alten Zeit, doch widerlegte Juncker selbst seine Prognose. Ob auf Pressekonferenzen, in der Kommission oder im Parlament: Der Luxemburger sprach meistens Englisch. Bei seiner Nachfolgerin ist das nicht anders. Ursula von der Leyen wuchs zwar in Brüssel auf und lernte dort Französisch in der Schule, sie drückt sich aber lieber auf Englisch aus. Es passt auch besser zum Anspruch, eine „geopolitische“ Kommission zu führen. Eine Änderung der Amtssprachen müsste übrigens der Rat beschließen, die Vertreter der Staaten. Die werden aber nicht die einzige Fremdsprache abschaffen, in der sich alle halbwegs unterhalten können.

          Im Rat selbst ändern sich mit dem Brexit die Mehrheitsverhältnisse. Vier von fünf Rechtsvorschriften werden mit „qualifizierter Mehrheit“ beschlossen. Dafür muss ein doppeltes Quorum erfüllt sein: Zum einen müssen 55 Prozent der Mitgliedstaaten zustimmen; bisher 16 von 28, künftig 15 von 27. Zum anderen müssen diese Staaten mindestens 65 Prozent der Gesamtbevölkerung auf sich vereinen. Wenn das Vereinigte Königreich als drittgrößter Mitgliedstaat ausgeschieden ist, verändern sich die relativen Gewichte der anderen – und zwar zugunsten der verbliebenen großen Staaten. So repräsentieren Deutschland und Frankreich, die in aller Regel gemeinsam abstimmen, künftig 33 Prozent der Gesamtbevölkerung; momentan sind es nur 29 Prozent.

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