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EU warnt wegen Corona : „Es könnte unsere letzte Chance sein“

Medizinisches Personal misst in Sarajevo, Bosnien und Herzegowina, die Temperatur eines Mannes. Bild: EPA

Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides schlägt Alarm: Covid-19 und Influenza drohen die Gesundheitssysteme zu überlasten. Besonders gefährlich sei die Lage in sechs europäischen Ländern.

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          Die EU-Kommission hat am Donnerstag wegen der stark steigenden Infektionen mit dem Coronavirus Alarm geschlagen. „In einigen Mitgliedstaaten ist die Lage jetzt sogar schlimmer als während des Höhepunkts im März“, sagte die Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides. Die von den Staaten ergriffenen Eindämmungsmaßnahmen seien entweder nicht wirksam gewesen oder nicht durchgesetzt beziehungsweise befolgt worden. Zwar infizierten sich derzeit vor allem jüngere Menschen, weshalb die Sterblichkeitsrate niedrig bleibe, jedoch steige die Zahl der Einweisungen in Intensivstationen. Kyriakides warnte vor einer „tödlichen doppelten Pandemie“ wegen der nun ebenfalls beginnenden Grippe-Saison, welche die Gesundheitssysteme überlasten könnte. „Alle Mitgliedstaaten müssen sofort Gegenmaßnahmen ergreifen, und zwar beim ersten Anzeichen neuer möglicher Ausbrüche.“ Die Kommissarin sprach von einem „entscheidenden Moment“: „Es könnte unsere letzte Chance sein, eine Wiederholung des vergangenen Frühjahrs zu verhindern.“ 

          Thomas Gutschker

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.

          Flankiert wurde die eindringliche Warnung mit einer neuen Risikoeinschätzung der europäischen Infektionsschutzbehörde ECDC. Darin werden die Mitgliedstaaten in drei Gruppen aufgeteilt. Am bedrohlichsten ist die Lage demnach in Bulgarien, Kroatien, Malta, Spanien, der Tschechischen Republik und Ungarn. In diesen Staaten gebe es einen hohen Anteil älterer Patienten, mithin auch schwere Verläufe und stark steigende Todeszahlen. In Teilen dieser Länder stehe das Gesundheitssystem schon jetzt unter Druck, die Intensivstationen seien stark belegt und das Personal erschöpft.

          „Besorgniserregende Entwicklungen“ verzeichnet das ECDC in einem Dutzend weiterer Staaten: Estland, Dänemark, Frankreich, Irland, Luxemburg, Norwegen, Österreich, Portugal,  Slowakei, Slowenien, in den Niederlanden und im Vereinigte Königreich. Deutschland findet sich in der dritten Gruppe von Ländern mit „stabilen Trends“, wo die Infektionen zwar zunehmen, jedoch bis dato kaum die ältere Bevölkerung betreffen.

          Kyriakides bemängelt laxe Haltung

          Die ECDC-Direktorin Andrea Ammon sagte, vielerorts hätten private Feiern die Ansteckungsraten in die Höhe getrieben. Sie warnte davor, dass es auch unter jungen Menschen zu schweren Verläufen von Covid-19 komme; zuletzt seien 44 Prozent der schweren Verläufe aus der Altersgruppe zwischen 15 und 49 Jahren gemeldet worden. Die Staaten mit besorgniserregenden und alarmierenden Zahlen sollten jetzt Maßnahmen ergreifen, um die Ansteckung in der jüngeren Altersgruppe unter Kontrolle zu bringen und die besonders gefährdeten Personen sowie Kräfte im Gesundheitswesen zu schützen. Die Kommission hatte schon im Juli dringende Empfehlungen dafür ausgegeben. Bis jetzt würden diese Empfehlungen „nur zu einem gewissen Grad“ befolgt, sagte die Direktorin. Ammon rief insbesondere dazu auf, junge Menschen darüber aufzuklären, dass sie keineswegs unverletzbar seien.

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          Die Gesundheitskommissarin Kyriakides bemängelte die laxe Haltung mehrerer Mitgliedstaaten. „Wenn wir heute hören, ‚bei uns ist die Lage okay‘, ist das nicht genug“, sagte sie. Die Staaten müssten jetzt Vorbereitungen für „Worst-Case“-Szenarien treffen. Sie verwies auf die Möglichkeit, der gemeinsamen Beschaffung medizinischer Ausrüstung, dies müsse rechtzeitig in die Wege geleitet werden. Selbst ein Impfstoff gegen das Virus werde nicht alle Probleme lösen. Die Staaten sollten sich außerdem schnell darin abstimmen, wie sie Ein- und Ausreisen in Risikogebiete regeln. „Wir müssen eine Situation verhindern, in der Regierungen, glauben, sie hätten keine andere Wahl, als allgemeine Lockdowns zu verhängen“, warnte Kyriakides.

          Der dramatische Ton der Kommissarin, die sich mit Ammon in einer gemeinsamen Pressekonferenz äußerte, ist auch vor dem Hintergrund von Vorwürfen zu sehen, Brüssel habe Anfang des Jahres nicht rechtzeitig vor der Pandemie gewarnt. Tatsächlich hatte Kyriakides schon Ende Januar auf Gefahren hingewiesen, doch ging das unter, weil der politische Austritt der Briten alles andere in Brüssel überschattete.

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