https://www.faz.net/-gpf-9y0la

EU im Streit mit Amerika : Im Kosovo ist kein Verlass auf Washington

Kurze Amtszeit für Kurti: Kosovos Präsident im Februar nach seiner Vereidigung im Parlament von Prishtina. Bild: dpa

Aus Verbündeten sind auf dem Balkan Gegenspieler geworden. Im Kosovo zeigt sich, dass die EU der Erpressungsdiplomatie Washingtons nichts entgegen setzen konnte. Der Sturz der dortigen Regierung mitten in der Corona-Krise destabilisiert die Region.

          3 Min.

          Seit Jahren wird gewarnt, die Europäische Union müsse sich stärker auf dem Balkan engagieren, da eine durch europäisches Desinteresse entstehende Lücke in der Region sofort durch andere Mächte gefüllt werde. Die üblichen Verdächtigen sind Russland, die Türkei und China. Müßig waren solche Warnungen nie. Moskau hat in Belgrad seit jeher einen Fuß in der Tür. Ankara ist bei einem Teil der muslimischen Bosniaken populär, auch wenn sich die Beliebtheit von Tayyip Erdogan in Bosnien schon aufgrund der konfessionellen Zusammensetzung der bosnischen Bevölkerung nicht mit der Wladimir Putins in Serbien messen kann. China ist in allen Ländern der Region wirtschaftlich aktiv und hat durch die Übernahme des Containerhafens in Piräus eine strategische Investition getätigt, die ein beispielloses Wachstum zur Folge hat. Der Athener Umschlagplatz ist binnen weniger Jahre zu einem der größten Europas geworden. Zur weiteren Stärkung von Piräus soll das Schienennetz in Südosteuropa ausgebaut werden, was zum Teil, so zwischen Budapest und Belgrad, schon begonnen hat. Und wer immer noch glaubt, Chinas Interessen an der Region seien rein wirtschaftlicher Art, möge sich die vielen Beispiele dafür ansehen, wie sich etwa Griechenland und Ungarn zieren, chinesische Menschenrechtsverletzungen beim Namen zu nennen.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Die EU ist also gut beraten, ihren europäischen Innenhof – der westliche Balkan ist in allen Himmelsrichtungen von EU-Staaten umgeben – nicht zu vernachlässigen. Der dieser Tage gefallene Beschluss der Mitgliedstaaten, nach langem Zögern doch noch Beitrittsverhandlungen mit Nordmazedonien und Albanien zu billigen, ist ein Zeichen dafür, dass dies inzwischen auch in Paris so gesehen wird. Eine im Schatten der Corona-Krise kaum beachtete Entwicklung zeigt nun aber, dass die EU zumindest derzeit auf dem Balkan einen weiteren Gegenspieler hat, der bei der Aufzählung möglicher Störenfriede bisher nicht auftauchte: die Vereinigten Staaten. In den vergangenen zwei Jahrzehnten konnten sich Brüssel und Washington trotz gelegentlichem Dissens im Detail letztlich stets aufeinander verlassen in der Region. Was sich derzeit dort abspielt, erinnert aber an Merkels berühmte Einschätzung amerikanischer Bündnistreue aus dem Jahr 2017: „Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, sind ein Stück weit vorbei.“

          Testen Sie unsere Angebote.
          Jetzt weiterlesen

          Testen Sie unsere Angebote.
          F.A.Z. PLUS:

            FAZ.NET komplett

          F.A.Z. PLUS:

            im F.A.Z. Digitalpaket

          : Aktion

          Diese und viele weitere Artikel lesen Sie mit F+

          Nicht nur am Mainufer, sondern auch an der Frankfurter Börse herrscht frühlingshafter Optimismus.

          Steigende Kurse trotz Krise : Das Börsenvirus

          Die Wirtschaft liegt noch am Boden, doch die Kurse an der Börse steigen und steigen. Kann die Wette auf die bessere Zukunft aufgehen?