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Entsorgung von Atommüll : Geeint nur am nuklearen Grab

  • -Aktualisiert am

Eine Strahlung wie in Tschernobyl: Zwei alte sowjetische Atom-U-Boote in der Andrejewa-Bucht nahe Murmansk. Bild: Photopool

Bei der Beseitigung von Atommüll funktioniert die Kooperation von Russland und der EU noch. Aber sonst findet man sogar bei Umweltschutzprojekten nicht mehr zusammen.

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          „Lebe wohl, Vaterland / Du erinnerst dich an uns / lebe wohl, geliebter Anblick / Nicht alle von uns kommen zurück.“ Es ist das Geheimnis der Ehrenkapelle des Oberkommandos der russischen Nordflotte, warum sie an diesem wolkenverhangenen Dienstag ausgerechnet den „Abschied der Slawin“ spielt.

          Viele Texte wurden zu diesem vielleicht berühmtesten russischen Marsch geschrieben, von schmerzlicher Trennung und der Hoffnung auf Wiedersehen handeln sie alle. Aber was die Militärkapelle dort verabschiedet, am Pier einer Bucht in der Barentssee, will niemand wiedersehen: eine erste Ladung radioaktiver Brennstäbe aus sowjetischen Unterseebooten, die nach über einem Jahrzehnt der Vorbereitungen endlich ihre letzte Reise antreten.

          Der Pier in der Andrejewa-Bucht der Kola-Halbinsel ist nagelneu, das an eine Fabrikhalle erinnernde Gebäude dahinter auch, ebenso wie das Spezialschiff, das unter den Klängen der Kapelle zum ersten Mal vom Pier abgelegt hat. Selbst der Kran, der die Fracht auf das Schiff hebt, ist neu. Nur die Fracht selbst ist alt und so bedrohlich, dass zur Abschiedsfeier viele russische und internationale Gäste in das Sperrgebiet gereist sind. Auch der norwegische Außenminister ist gekommen, die Grenze liegt nur 55 Kilometer entfernt. Børge Brende lobt, man ernte jetzt die Früchte gemeinsamer Anstrengung. Der erste Abtransport sei ein Meilenstein für Stabilität und Sicherheit in der Region. Solche Worte sind im Zusammenhang mit Russland inzwischen selten zu vernehmen.

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          Von allen Problemen mit den verrottenden atomaren Hinterlassenschaften der Sowjetunion war jenes in der Andrejewa-Bucht zuletzt das größte. An dem abgelegenen Ort, der sich in sowjetischer Zeit nur per Schiff erreichen ließ, unterhielt die Nordflotte seit 1962 ein Zwischenlager für verbrauchte Brennstäbe aus U-Boot-Reaktoren. Die Brennstäbe lagerten in einem Kühlbecken, bis sie weit genug abgeklungen waren, um sie abzutransportieren und zu verwerten. Die Flotte wuchs, das Lager musste auch wachsen, und 1982 kam es zu einem schweren Zwischenfall: Ein neuer Teil des Gebäudes, offenbar auf instabilem Boden errichtet, sackte ab. Radioaktives Wasser trat aus.

          Kein Geld für die Entsorgung

          Sowjetische Experten stellten fest, dass Brennstäbe auf den Grund der Becken abgesunken waren – eine höchst gefährliche Lage. Sie verfrachteten das hochradioaktive Material in benachbarte Behelfsgebäude. In diesen provisorischen Containern lagert es bis heute, inmitten eines verstrahlten Geländes. 22000 Brennelemente aus hundert Reaktoren von fünfzig Unterseebooten rotten vor sich hin. „Die Strahlung ist etwa so wie Tschernobyl“, sagt Vince Novak, Direktor der Abteilung für nukleare Sicherheit der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD). Die EBRD verwaltet in einem Fonds einen Teil der Hilfsgelder europäischer Länder, die eine Lösung für die Andrejewa-Bucht gesucht haben. „Es geht dabei nicht um Altruismus. Nukleare Gefahren respektieren keine Ländergrenzen“, sagt Novak.

          Rund um die Hafenstadt Murmansk im äußersten Nordwesten Russlands haben sich nach dem Ende der Sowjetunion die Probleme mit dem Erbe nuklear betriebener Schiffe gehäuft. Moskau fehlte nach der Wende das Geld und das Interesse, sich dem strahlenden Müll zu widmen. Die fast menschenleere Umgebung der Basen der Nordflotte machte es leicht, die Probleme liegen zu lassen – sei es an der Küste oder auf dem Meeresboden. Viel wurde mit ausländischer Hilfe und ausländischem Geld getan, um die Altlasten zu beseitigen. Deutschland beispielsweise zahlte 600 Millionen Euro, um die Reaktorsektionen aus U-Booten herauszusägen und unter sicheren Bedingungen zu lagern.

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