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Impfbilanz der EU : Fast 60 Prozent der Erwachsenen in der EU einmal geimpft

Impfbilanz: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen trifft am 24. Juni zum EU-Gipfel in Brüssel ein. Bild: AFP

Beim EU-Gipfeltreffen stellt von der Leyen die Impfbilanz der EU vor. Bis Jahresende sollen 1,3 Milliarden Dosen Impfstoff geliefert worden sein. Die Kommissionspräsidentin kalkuliert vorsichtig – außer in einem Punkt.

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          Schon die Tagesordnung des EU-Gipfeltreffens am Donnerstag zeigte, dass sich der Blick der Staats- und Regierungschefs auf die Corona-Pandemie langsam verändert. Zwar werden die Gefahren durch neue Virusvarianten unverändert diskutiert – aber doch aus der Perspektive, dass das Reisen im Sommer, so weit möglich, wieder einfacher werden sollte. Vor allem die Bundeskanzlerin warb angesichts der sich ausbreitenden Delta-Variante für möglichst einheitliche – genauer: einheitlich strenge – Einreisebestimmungen.

          Werner Mussler
          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          Dennoch überwog in Brüssel die Hoffnung, dass nicht zuletzt wegen der erheblichen Impffortschritte das Schlimmste bald vorüber sein könnte. Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz sagte, das Auftauchen der Delta-Variante sei zu erwarten gewesen und „kein Grund zur Panik“. Nach allem, was derzeit bekannt sei, wirkten die verfügbaren Impfstoffe auch gegen die Varianten. Insofern zeigten „alle Pandemieparameter in die richtige Richtung“, sagte Kurz. „Ein guter Sommer steht uns bevor, das stimmt mich sehr glücklich.“ 

          Die EU hat fast die Impfquote der USA erreicht 

          Die aktuellen Zahlen zur EU-Impfkampagne, über die Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auf dem Gipfel informierte, belegen jedenfalls deutliche Fortschritte. Das im Frühjahr formulierte Ziel, dass bis Ende Juli 70 Prozent der Erwachsenen in der EU mindestens einmal geimpft sind, dürfte auf jeden Fall erreicht werden. Bis zum Sonntag werden nach von der Leyens Angaben 424 Millionen Dosen Impfstoff in die EU geliefert worden sein. Rund zwei Drittel davon entfallen auf das Vakzin von BioNTech/Pfizer, knapp 20 Prozent auf AstraZeneca, etwa zehn Prozent auf Moderna, der Rest auf Johnson & Johnson.

          Dieses Verhältnis ist in fast allen Staaten sehr ähnlich, nur Ungarn hat in erheblichem Umfang auch Impfstoffe aus China (mit einem Anteil von 34 Prozent) und Russland (13 Prozent) erhalten. Ebenfalls bis Sonntag sollen in der EU rund 346 Millionen Dosen verabreicht und 220 Millionen Personen mindestens einmal geimpft sein; Letzteres entspräche 60 Prozent der Erwachsenen in der EU. Der CDU-Europaabgeordnete Peter Liese erinnerte am Donnerstag daran, dass der EU-Durchschnitt damit schon fast die Impfquote der Vereinigten Staaten erreicht habe. In Amerika habe sich die Quote wegen der deutlich größeren Impfskepsis seit Mai fast nicht mehr verändert, sagte Liese.

          Für Juli erwartet die Kommissionschefin mindestens weitere 90 Millionen Dosen, wovon weiterhin der größte Anteil – 65 Millionen – von BioNTech/Pfizer kommen soll. 18 Millionen Dosen sollen im Juli von Moderna kommen, sieben von Johnson & Johnson. Gut 30 Millionen Dosen von AstraZeneca (AZ), die auch einmal vorgesehen waren, hat von der Leyen als „nicht bestätigt“ schon halb ausgebucht.

          Das hat den Grund, dass die Kommission den Rechtsstreit mit dem britisch-schwedischen Hersteller, den sie im April angezettelt hatte, in der vergangenen Woche vorläufig verloren hat. Ein Brüsseler Gericht hat AZ am vergangenen Freitag im Eilverfahren verpflichtet, bis Ende September insgesamt 80 Millionen Dosen zu liefern – diese sind schon jetzt fast erreicht. Eine darüber hinausgehende Festlegung des Lieferplans bis zum Jahresende lehnte das Gericht ab.

          Lieferungen aus Russland und China werden nicht eingeplant

          Insofern ist offen, ob von der Leyens am Donnerstag vorgetragene Kalkulation aufgeht, dass AZ im dritten und vierten Quartal je hundert Millionen Dosen liefert. Freilich bleibt die Kommissionschefin ansonsten vorsichtig. Ihre Gesamterwartungen – rund 500 Millionen Dosen im dritten und 400 Millionen Dosen im vierten Quartal – beziehen sich ausschließlich auf die vier genannten Präparate, welche die EU-Arzneimittelbehörde EMA schon genehmigt hat. Die EU rechnet weiterhin nicht mit Lieferungen aus Russland und China. Auch auf den Impfstoff des Tübinger Herstellers CureVac, der sich vor Kurzem als weniger wirksam herausgestellt hatte als erhofft, baut sie vorerst nicht.

          Klar ist ferner: Auf Dauer wird die EU vor allem die auf der mRNA-Technologie beruhenden Vakzine von BioNTech/Pfizer und Moderna nutzen. Nach jetzigem Stand wirken diese auch gut gegen bisher bekannte Virusvarianten. 1,3 Milliarden Dosen werden nach von der Leyens Kalkulation bis zum Jahresende geliefert worden sein. Das wären fast drei Dosen je EU-Einwohner. Insofern sollte die EU das von den Staats- und Regierungschefs am Donnerstag bekräftigte Versprechen, einen Teil des Impfstoffs der globalen Impfkampagne COVAX zur Verfügung zu stellen, erfüllen können.

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          Erstmals erörterten die Chefs auch die Lektionen, welche die EU aus der Pandemie ziehen sollte. Grundlage der Diskussion war ein kürzlich veröffentlichter Bericht der EU-Kommission. Die meisten Vorschläge der Behörde laufen auf mehr Kompetenzen für die EU hinaus, von der Schaffung eines EU-„Chefepidemiologen“ bis zur schon länger vorgeschlagenen EU-Behörde für die Krisenvorsorge und -reaktion im Pandemiefall.

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