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EU-Gipfel : „Ein einziges Desaster“

Mark Rutte habe das Klima „vergiftet, sagt, die niederländische Liberale Sophie In‘t Veld. Bild: AFP

In Brüssel sind die Verhandlungen zu einem zähen Kampf geworden. Proeuropäische Abgeordnete finden jetzt drastische Worte. Die Kritik richtet sich an Ratspräsident Charles Michel und den niederländischen Ministerpräsidenten Mark Rutte.

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          Aus dem Europäischen Parlament war am Montag viel Kritik an den Verhandlungen der Mitgliedstaaten zu hören. Parlamentspräsident David Sassoli wandte sich mit mahnenden Worten an die Staats- und Regierungschefs, die zu diesem Zeitpunkt immer noch um einen Kompromiss rangen: „Wir sind besorgt über eine Zukunft, in der die europäische Solidarität und die Gemeinschaftsmethode verloren gehen.“ Der Italiener erinnerte an die Prioritäten des Parlaments, das dem Haushalt für die nächsten sieben Jahre zustimmen muss. Er nannte, in dieser Reihenfolge: die Bewältigung von Zukunftsaufgaben wie dem Klimawandel, neue Eigenmittel zu deren Finanzierung, die wirksame Verteidigung der Rechtsstaatlichkeit und das Ende der Rabatte für die Nettozahler. „Wenn diese Bedingungen nicht ausreichend erfüllt sind, wird das Europäische Parlament seine Zustimmung nicht erteilen.“

          Thomas Gutschker

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.

          Während sich die meisten Fraktionsvorsitzenden öffentlich zurückhielten, äußerten sich Abgeordnete der vier proeuropäischen Fraktionen gegenüber der F.A.Z. mit teilweise drastischen Worten. Ihre Kritik bezog sich darauf, dass Ratspräsident Charles Michel in den Verhandlungen weitere Streichungen bei Zukunftsausgaben wie dem Forschungsprogramm „Horizon Europe“ angeboten hatte. Außerdem hatte sich gezeigt, dass ein ehrgeiziger Rechtsstaatsmechanismus, wie von Parlament und EU-Kommission vorgeschlagen, im Rat chancenlos ist. „Für mich ist das völlig inakzeptabel, wir werden in den Verhandlungen dagegen halten“, sagte Monika Hohlmeier (CSU), die Vorsitzendes des Haushaltskontrollausschusses. Sie gestand ein, dass der Druck auf die Abgeordneten, einem Deal zuzustimmen, „brutal“ sein werde. Doch sei es „kein Argument, wenn die Regierungschefs sagen: Die Einigung war so schwer, was soll da auch noch das Parlament mitreden?“ Was das denn für ein Verständnis von Demokratie und Volksvertretung sei, fragte Hohlmeier rhetorisch. „Im Bayerischen Landtag wäre die Hölle los, wenn so geredet würde.“

          Die CSU-Abgeordnete hatte sich zuletzt eine heftige Auseinandersetzung mit dem tschechischen Regierungschefs Andrej Babis geliefert, weil der jahrelang als Unternehmer von EU-Subventionen profitierte, während er politische Verantwortung dafür trug. „Wir dürfen nicht akzeptieren, dass in einigen Mitgliedstaaten ein Putinsches System an die Stelle des Rechtsstaats tritt", sagte Hohlmeier am Montag.

          Grünen Abgeordneter: Parlament wird geringgeschätzt

          Der SPD-Haushaltpolitiker Jens Geier sprach von einem „Maximum an Unzufriedenheit“ in seiner Fraktion. „Die Abgeordneten aus dem Süden sind sauer darüber, dass die Zuschüsse immer mehr zusammengestrichen werden. Und die Ostmitteleuropäer fürchten, dass bei ihnen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit noch mehr unter die Räder kommen, wenn es keinen wirksamen Kontrollmechanismus gibt.“ Geier zeigte sich außerdem darüber verwundert, dass die Regierungen über Vetorechte bei der Auszahlung von Mitteln redeten, ohne die Rolle des Parlaments zu berücksichtigen. „Im Haushaltsverfahren entscheiden wir als Parlament doch gleichberechtigt mit“, sagte er. „Die Herrschaften im Rat haben offenbar vergessen, dass es ohne unsere Zustimmung keinen Haushalt gibt.“  Wenn Charles Michel nach dem Rat sage, das ist unser Ergebnis, das müsst ihr jetzt absegnen, „wird er damit nur hochgezogene Augenbrauen und mitleidiges Lächeln hervorrufen“, prognostizierte Geier, der zudem der Gruppe der SPD-Abgeordneten vorsteht. Das Parlament sei heute selbstbewusster als noch vor einem Jahr. „Wir werden für unsere Anliegen kämpfen und binnen weniger Tage unsere Prioritäten als Parlament festlegen. Am Ende wird es deshalb wohl noch einen Sondergipfel geben müssen.“

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