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EU-Ausbildungsmission : Muhiddin zieht in den Krieg

Kein Spiel: Rekruten üben mit Plastikpanzern verschiedene Kriegstaktiken Bild: Lorenz Hemicker

Die Bundeswehr trainiert Somalier für den Guerillakampf. Ob die Männer später auf der richtigen Seite stehen, weiß niemand. Trotzdem könnte der Einsatz zum Vorbild für eine Ausbildungsmission in Mali werden.

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          Die Soldaten hocken im Sandkasten und schweigen. Zwischen ihren Fingern halten sie beigefarbene Plastikfiguren, die sie vorsichtig in die Miniatur-Dünenlandschaft zu ihren Füßen setzen. Ein paar Soldaten lächeln. Das Spielzeug mag sie an eine Kindheit erinnern, die sie nie hatten, zweitausend Kilometer östlich, in Mogadischu. Jetzt sitzen sie auf einem Truppenübungsplatz im Westen Ugandas. Eineinhalb Stunden sind es von hier bis zur nächsten asphaltierten Straße; der internationale Flughafen der Hauptstadt liegt eine Tagesfahrt entfernt. In dieser Einöde sollen die Männer fit werden für den Guerrillakrieg.

          Lorenz Hemicker
          Redakteur in der Politik

          Das Trainingsgelände liegt mitten in der Feuchtsavanne. Lehmhütten stehen da, Kinder spielen auf der Schießbahn. Ziegen grasen zwischen alten sowjetischen Panzern. Nur das europäische Lager mit seinen hellblauen Dächern hebt sich vom Grün und Braun ab. Es ist das weithin sichtbare Zeichen einer Militärmission, von der in Deutschland kaum jemand weiß. Nach Somalia, einem der fragilsten Länder der Erde, soll so etwas wie Ordnung getragen werden. Mit europäischer Hilfe.

          Ein Einsatz, der zur Blaupause werden könnte

          Unterstützt von heimischen Truppen, schulen im Trainingslager in Uganda 100 EU-Soldaten, darunter sechzehn Deutsche, Militärrekruten aus Somalia - einem Staat, in dem immer wieder Hungersnöte grassieren und in den vergangenen zwei Jahrzehnten einer der langwierigsten Bürgerkriege der Welt tobte. Ein Ort, an dem Kriegsfürsten, Clanchefs und korrupte Politiker um Macht und Einfluss kämpfen. Die Trainingsmission der Europäischen Union soll dem gerade gewählten Präsidenten Hassan Sheikh Mohamud dabei helfen, das Land am Horn von Afrika stabiler zu machen. Es ist ein Einsatz, der zur Blaupause werden könnte für eine Ausbildungsmission in Mali, die in Brüssel gerade auf dem Reißbrett entworfen wird.

          Die jungen Männer, die Spielzeugfiguren durch den Sand schieben, sind angehende Offiziere und Unteroffiziere. 545 Männer und acht Frauen hat Somalia nach Bihanga geschickt. Bis Jahresende sollen 3000 Rekruten in dem Lager ausgebildet werden. Die Sandkastenspiele der Soldaten sind Übungen für angehende militärische Führer. Sie sollen lernen, Soldaten in Gefechten überlegt einzusetzen. Denn nach sechs Monaten in Bihanga wartet auf die Somalier der Krieg. Dann sollen sie zu Hause Soldaten ausbilden und den Kampf der Regierung gegen die radikalislamischen Milizen im Land führen.

          Johann Streib* bildet die Rekruten aus. Der 30 Jahre alte Hauptfeldwebel aus Bayern war für die Bundeswehr schon in Afghanistan, in Bosnien und im Kosovo. Nun also Bihanga. Um ihn herum bauen 35 somalische Soldaten einen Kontrollpunkt auf. Einige rollen blaue Regentonnen heran, andere schleppen mannshohe und stacheldrahtbespannte Hindernisse. Streib hat ihnen verboten, ihre Gewehre aus der Hand zu legen. Zum Tragen bleibt nur ein Arm frei. „Wir könnten ihnen zwar Schulterriemen geben“, sagt er. „Aber die haben sie in Somalia auch nicht.“

          Als der Kontrollpunkt nach zehn Minuten steht, rollen Fahrzeuge heran. „Du musst dafür sorgen, dass die Autos langsamer einfahren“, sagt Streib zu einem der Rekruten und streckt seinen Arm zur Seite aus. „Yes, Sir!“, antwortet der Somalier, kaum die Antwort des Übersetzers abwartend und die Armbewegung des Deutschen imitierend. Auf dem Weg zurück ins Lager fährt sich Streib durch den Bart und lächelt. Er ist zufrieden mit den Soldaten. Heute jedenfalls. „Es gibt auch Tage“, sagt er, „an denen ich mich am Nachmittag frage, ob ich am Vormittag dieselben Rekruten unterrichtet habe.“

          Viele Herausforderungen für die Europäer

          Was die Europäer in Ostafrika versuchen, klingt wie eine Vorlage für das, was die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton dem Ministerrat am 19. November für einen Einsatz in Mali vorschlagen könnte. Die Ausbildungsmission für Somalia ist klein und weit entfernt von den Ambitionen großer - und häufig gescheiterter - Militärinterventionen, die den Aufbau funktionierender Staaten nach westlichem Vorbild stützen sollten. Die Europäer setzen für Somalia auf eine starke Zentralregierung und das Prinzip Hilfe zur Selbsthilfe. Sie vermeiden es, sich in innerafrikanische Angelegenheiten einzumischen. Kämpfen müssen die Somalier selbst. Unterstützt werden sie dabei nicht von westlichen Soldaten, sondern von einer afrikanischen Eingreiftruppe. Zusammen mit den Somaliern hat diese Truppe in den vergangenen Monaten die radikalislamische Al-Shabaab-Miliz aus ihren letzten Bastionen vertrieben und damit auch den örtlichen Al-Qaida-Ableger geschwächt. Die Europäer beschränken sich darauf, die Kosten für die Truppe mitzutragen.

          Luftwaffenmajor Sascha Repoki steuert einen weißen Geländewagen über den Übungsplatz. Auf der Häuserkampfbahn treiben die portugiesischen Ausbilder gerade eine Gruppe somalischer Rekruten durch die Straßen. Für das Schießen, Patrouillieren und die Checkpoints ist die Bundeswehr zuständig, genauso wie für die Fernmeldeausbildung. Die Europäer stehen dabei vor vielen Herausforderungen. Zum Beispiel der Analphabetismus. Repoki weiß, dass jeder Zweite der Rekruten nie eine Schule besucht hat. „Hinzu kommen Unterernährung, Disziplinlosigkeit, Gewaltbereitschaft“ und das, was er als „das Fehlen zahlreicher Kulturtechniken“ beschreibt. Viele Rekruten wüssten weder mit Essbesteck noch mit Klopapier umzugehen. In ihrem Leben ging es bisher nur ums Überleben.

          Noch in der Ausbildung: Bald soll Muhiddin jedoch selbst Soldaten führen
          Noch in der Ausbildung: Bald soll Muhiddin jedoch selbst Soldaten führen : Bild: Lorenz Hemicker

          Die Unterernährung ist vielen Soldaten auch nach zwei Monaten im Camp noch anzusehen. Manche halten das Training körperlich nicht aus und müssen zurückgeschickt werden. Andere prügeln sich und müssen deshalb vorzeitig abreisen. Doch nicht immer geht die Gewalt von den Somaliern aus. Manchmal kommt es vor, dass die Ugander die Somalier mit Schlägen bestrafen. Kürzlich sind deshalb Rekruten mit Steinen auf ihre Ausbilder losgegangen, woraufhin die Ugander in die Luft schossen und europäische Soldaten herbeieilten, um den Tumult in letzter Sekunde zu entschärfen.

          Repoki aber ist verantwortlich für die Logistik. Nebenher versucht er, die hygienischen Bedingungen im Camp der Somalier zu verbessern und so Krankheiten unter den Rekruten vorzubeugen, die dort auf engstem Raum untergebracht sind. Aus Unwissenheit, sagt der Offizier, würden die Somalier die Toiletten mit Plastikflaschen verstopfen und sogar die Wasserleitungen für die Spülung aus der Wand reißen, um ihre Wasserkanister zu befüllen. Dagegen hat er inzwischen große Schilder aufhängen lassen, mit Fotos und einfachen Hinweisen auf Somali. Die entscheidende Ungewissheit aber, vor der die Europäer stehen, lässt sich nicht so einfach beheben. Es ist die Frage nach der Loyalität der Rekruten.

          Brandmal an der Schläfe

          Muhiddin Yussuf Ali sitzt auf der Häuserkampfbahn im Schatten von „Gebäude 13“, den Oberkörper auf die Kalaschnikow gestützt. Auf seiner Stirn stehen Schweißperlen. Vor wenigen Minuten haben der 20 Jahre alte Somalier und seine Gruppe mit Übungsgranaten und Platzmunition die Erstürmung eines Hauses trainiert. Zwei Monate ist es her, dass der Kameltreiber aus Mogadischu nach Uganda geflogen ist. Bevor er Soldat wurde, hat ihn der amerikanische Geheimdienst auf Verbindungen zu Al Shabaab und zu Al Qaida überprüft.

          Wie die meisten Somalier im Trainingslager weiß Muhiddin, ohne nachzudenken, aufzusagen, warum er Soldat geworden sei: Er habe sich der Armee angeschlossen, weil er die neue Regierung dabei unterstützen wolle, seine Heimat zu stabilisieren. Oberhalb von seiner linken Schläfe prangt ein Brandmal. Viele Somalier tragen ähnliche Zeichen am Kopf, Narben im Gesicht oder Ritzspuren auf den Armen. Es sind „Stempel“ ihrer Clans, die in Somalia Gesellschaft und Politik lenken. Sie sollen die jungen Soldaten stets daran erinnern, wem ihre Treue zu gelten hat.

          Muhiddin gehört zu den Darod, einem der größten und mächtigsten Clans des Landes. Darauf angesprochen, schaut er eine Weile ins Leere. Dann erzählt er von monatelangen Kämpfen zwischen den Friedenstruppen der Afrikanischen Union und den radikalislamischen Milizen in Mogadischu. Von seiner Mutter, die von Al-Shabaab-Kämpfern getötet worden sei. Und von seiner Zeit als Hirte, der nie richtig Lesen und Schreiben gelernt habe. „Es ist sehr wichtig, dass wir eine Flagge haben, ein Nation“, sagt Muhiddin. „Wenn wir uns nur auf die Clans und die Warlords stützen, hört der Krieg niemals auf.“

          Zuhause wartet der Guerillakrieg

          Er weiß, dass in der Heimat der Guerrillakrieg auf ihn wartet. Doch darüber will Muhiddin jetzt nicht nachdenken. „Ich bin bereit, für meine Regierung zu kämpfen“, sagt der Soldat zum Abschied. Es klingt überzeugt. Aber niemand weiß, wie loyal die Rekruten zu ihrer Regierung stehen werden, wenn die in Konflikt mit ihren Clans geraten sollte. Ein handfestes Argument ist der Lohn. Die Amerikaner, von denen die Rekruten ihren Sold erhalten, zahlen hundert Dollar pro Monat. Eine Summe, die auch verhindern soll, dass die Soldaten zur radikalislamischen Al Shabaab überlaufen.

          Als die Sonne hinter den Hügeln von Bihanga untergeht, sitzt Johann Streib auf der Veranda vor seiner Unterkunft und schaut in die Ferne. „Für die ersten Kämpfe gegen ihre Gegner sind sie gerüstet“, sagt er. „Aber sie brauchen weiter unsere Hilfe. Wir sollten ihnen auch künftig die Hand reichen.“ Die Mission, begonnen im April 2010, wurde von den EU-Staaten noch nicht verlängert. Die Chancen stünden zwar nicht schlecht, hört man aus Berlin. Doch ohne Beschluss sind die Europäer vor Weihnachten aus Bihanga verschwunden. Und mit ihnen die Deutschen.

          *Name geändert

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