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EU-Ausbildungsmission : Muhiddin zieht in den Krieg

Repoki aber ist verantwortlich für die Logistik. Nebenher versucht er, die hygienischen Bedingungen im Camp der Somalier zu verbessern und so Krankheiten unter den Rekruten vorzubeugen, die dort auf engstem Raum untergebracht sind. Aus Unwissenheit, sagt der Offizier, würden die Somalier die Toiletten mit Plastikflaschen verstopfen und sogar die Wasserleitungen für die Spülung aus der Wand reißen, um ihre Wasserkanister zu befüllen. Dagegen hat er inzwischen große Schilder aufhängen lassen, mit Fotos und einfachen Hinweisen auf Somali. Die entscheidende Ungewissheit aber, vor der die Europäer stehen, lässt sich nicht so einfach beheben. Es ist die Frage nach der Loyalität der Rekruten.

Brandmal an der Schläfe

Muhiddin Yussuf Ali sitzt auf der Häuserkampfbahn im Schatten von „Gebäude 13“, den Oberkörper auf die Kalaschnikow gestützt. Auf seiner Stirn stehen Schweißperlen. Vor wenigen Minuten haben der 20 Jahre alte Somalier und seine Gruppe mit Übungsgranaten und Platzmunition die Erstürmung eines Hauses trainiert. Zwei Monate ist es her, dass der Kameltreiber aus Mogadischu nach Uganda geflogen ist. Bevor er Soldat wurde, hat ihn der amerikanische Geheimdienst auf Verbindungen zu Al Shabaab und zu Al Qaida überprüft.

Wie die meisten Somalier im Trainingslager weiß Muhiddin, ohne nachzudenken, aufzusagen, warum er Soldat geworden sei: Er habe sich der Armee angeschlossen, weil er die neue Regierung dabei unterstützen wolle, seine Heimat zu stabilisieren. Oberhalb von seiner linken Schläfe prangt ein Brandmal. Viele Somalier tragen ähnliche Zeichen am Kopf, Narben im Gesicht oder Ritzspuren auf den Armen. Es sind „Stempel“ ihrer Clans, die in Somalia Gesellschaft und Politik lenken. Sie sollen die jungen Soldaten stets daran erinnern, wem ihre Treue zu gelten hat.

Muhiddin gehört zu den Darod, einem der größten und mächtigsten Clans des Landes. Darauf angesprochen, schaut er eine Weile ins Leere. Dann erzählt er von monatelangen Kämpfen zwischen den Friedenstruppen der Afrikanischen Union und den radikalislamischen Milizen in Mogadischu. Von seiner Mutter, die von Al-Shabaab-Kämpfern getötet worden sei. Und von seiner Zeit als Hirte, der nie richtig Lesen und Schreiben gelernt habe. „Es ist sehr wichtig, dass wir eine Flagge haben, ein Nation“, sagt Muhiddin. „Wenn wir uns nur auf die Clans und die Warlords stützen, hört der Krieg niemals auf.“

Zuhause wartet der Guerillakrieg

Er weiß, dass in der Heimat der Guerrillakrieg auf ihn wartet. Doch darüber will Muhiddin jetzt nicht nachdenken. „Ich bin bereit, für meine Regierung zu kämpfen“, sagt der Soldat zum Abschied. Es klingt überzeugt. Aber niemand weiß, wie loyal die Rekruten zu ihrer Regierung stehen werden, wenn die in Konflikt mit ihren Clans geraten sollte. Ein handfestes Argument ist der Lohn. Die Amerikaner, von denen die Rekruten ihren Sold erhalten, zahlen hundert Dollar pro Monat. Eine Summe, die auch verhindern soll, dass die Soldaten zur radikalislamischen Al Shabaab überlaufen.

Als die Sonne hinter den Hügeln von Bihanga untergeht, sitzt Johann Streib auf der Veranda vor seiner Unterkunft und schaut in die Ferne. „Für die ersten Kämpfe gegen ihre Gegner sind sie gerüstet“, sagt er. „Aber sie brauchen weiter unsere Hilfe. Wir sollten ihnen auch künftig die Hand reichen.“ Die Mission, begonnen im April 2010, wurde von den EU-Staaten noch nicht verlängert. Die Chancen stünden zwar nicht schlecht, hört man aus Berlin. Doch ohne Beschluss sind die Europäer vor Weihnachten aus Bihanga verschwunden. Und mit ihnen die Deutschen.

*Name geändert

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