https://www.faz.net/-gpf-749sh

EU-Ausbildungsmission : Muhiddin zieht in den Krieg

Als der Kontrollpunkt nach zehn Minuten steht, rollen Fahrzeuge heran. „Du musst dafür sorgen, dass die Autos langsamer einfahren“, sagt Streib zu einem der Rekruten und streckt seinen Arm zur Seite aus. „Yes, Sir!“, antwortet der Somalier, kaum die Antwort des Übersetzers abwartend und die Armbewegung des Deutschen imitierend. Auf dem Weg zurück ins Lager fährt sich Streib durch den Bart und lächelt. Er ist zufrieden mit den Soldaten. Heute jedenfalls. „Es gibt auch Tage“, sagt er, „an denen ich mich am Nachmittag frage, ob ich am Vormittag dieselben Rekruten unterrichtet habe.“

Viele Herausforderungen für die Europäer

Was die Europäer in Ostafrika versuchen, klingt wie eine Vorlage für das, was die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton dem Ministerrat am 19. November für einen Einsatz in Mali vorschlagen könnte. Die Ausbildungsmission für Somalia ist klein und weit entfernt von den Ambitionen großer - und häufig gescheiterter - Militärinterventionen, die den Aufbau funktionierender Staaten nach westlichem Vorbild stützen sollten. Die Europäer setzen für Somalia auf eine starke Zentralregierung und das Prinzip Hilfe zur Selbsthilfe. Sie vermeiden es, sich in innerafrikanische Angelegenheiten einzumischen. Kämpfen müssen die Somalier selbst. Unterstützt werden sie dabei nicht von westlichen Soldaten, sondern von einer afrikanischen Eingreiftruppe. Zusammen mit den Somaliern hat diese Truppe in den vergangenen Monaten die radikalislamische Al-Shabaab-Miliz aus ihren letzten Bastionen vertrieben und damit auch den örtlichen Al-Qaida-Ableger geschwächt. Die Europäer beschränken sich darauf, die Kosten für die Truppe mitzutragen.

Luftwaffenmajor Sascha Repoki steuert einen weißen Geländewagen über den Übungsplatz. Auf der Häuserkampfbahn treiben die portugiesischen Ausbilder gerade eine Gruppe somalischer Rekruten durch die Straßen. Für das Schießen, Patrouillieren und die Checkpoints ist die Bundeswehr zuständig, genauso wie für die Fernmeldeausbildung. Die Europäer stehen dabei vor vielen Herausforderungen. Zum Beispiel der Analphabetismus. Repoki weiß, dass jeder Zweite der Rekruten nie eine Schule besucht hat. „Hinzu kommen Unterernährung, Disziplinlosigkeit, Gewaltbereitschaft“ und das, was er als „das Fehlen zahlreicher Kulturtechniken“ beschreibt. Viele Rekruten wüssten weder mit Essbesteck noch mit Klopapier umzugehen. In ihrem Leben ging es bisher nur ums Überleben.

Noch in der Ausbildung: Bald soll Muhiddin jedoch selbst Soldaten führen
Noch in der Ausbildung: Bald soll Muhiddin jedoch selbst Soldaten führen : Bild: Lorenz Hemicker

Die Unterernährung ist vielen Soldaten auch nach zwei Monaten im Camp noch anzusehen. Manche halten das Training körperlich nicht aus und müssen zurückgeschickt werden. Andere prügeln sich und müssen deshalb vorzeitig abreisen. Doch nicht immer geht die Gewalt von den Somaliern aus. Manchmal kommt es vor, dass die Ugander die Somalier mit Schlägen bestrafen. Kürzlich sind deshalb Rekruten mit Steinen auf ihre Ausbilder losgegangen, woraufhin die Ugander in die Luft schossen und europäische Soldaten herbeieilten, um den Tumult in letzter Sekunde zu entschärfen.

Weitere Themen

Topmeldungen

Kaufen oder mieten? : Ehestreit ums Eigenheim

Ob Betongold wirklich glücklich macht, entscheiden auch die eigenen Ansprüche. Wenn die bei einem Paar weit auseinanderklaffen, muss es genau abwägen, was Freiheit und Sicherheit wert sind.
Imame beten in Köln. Von nun an wird der Nachwuchs auch in Deutschland in deutscher Sprache ausgebildet.

F.A.Z. Frühdenker : Imamausbildung auf Deutsch startet

In Osnabrück nimmt das neue Islamkolleg seine Arbeit auf. Die NATO betrachtet Russland als Gefahr. In Deutschland wird über die Maskenpflicht gestritten. Und die DFB-Elf spielt gegen Frankreich. Der F.A.Z.-Newsletter für Deutschland.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.