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Estnisch-russischer Geschichtsstreit : Kein Tag des Sieges

  • -Aktualisiert am

Bild: reuters

Diesmal blieb der „Aufstand“ aus: Vor Wochen hatte es in Tallinn noch Krawalle russischer Jugendlicher gegeben, als ein sowjetisches Denkmal für Gefallene des Zweiten Weltkriegs demontiert wurde. Am 9. Mai blieb es ruhig in Estland, gleichwohl provoziert Moskau.

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          Die Polizei mit ihren gelb-grünen Leuchtjacken ist unübersehbar. Es herrscht Versammlungsverbot, doch die Polizisten lassen die Menschen - darunter viele Alte im Sonntagsstaat - gewähren, die in kleinen Gruppen kommen und Blumen, meist rote Nelken am Metallzaun anbringen. Im Laufe des Tages wird er nach und nach zu einem dichten Teppich roter Nelken. Auch der Platz dahinter ist ein Blumenmeer, ein Schild in russischer Sprache verkündet „Hier finden Begrünungsarbeiten statt“.

          Bis vor zwei Wochen stand in dem kleinen Park vor der Karlskirche und der Staatsbibliothek im Zentrum der estnischen Hauptstadt Tallinn der „Bronzesoldat“, ein 1947 errichtetes sowjetisches Denkmal für Gefallene des Zweiten Weltkriegs. Seine Demontage hat Ende April zu Krawallen und Plünderungen einiger hundert russischsprachiger Jugendlicher geführt, bei denen es zahlreiche Verletzte und einen Toten gab. Seither herrschte in Tallinn gespannte Ruhe, Gerüchte kursierten, am 9. Mai werde es zu einem „Aufstand“ der Russen kommen.

          Demonstration gegen estnische Unabhängigkeit

          Der „Bronzesoldat“ steht jetzt im zu Stille und Besinnung einladenden Soldatenfriedhof des estnischen Verteidigungsministeriums. An seinem vom Verkehr umtosten alten Platz an einer Bushaltestelle in der Innenstadt, zu Füßen des Burgbergs hatten einige Angehörige der russischen Minderheit in Estland in den vergangenen Jahren mit zunehmender Aggressivität am 9. Mai den Sieg der Sowjetarmee gefeiert - was auch eine Demonstration gegen die estnische Unabhängigkeit war.

          Stein des Anstoßes: Der „Bronzesoldat” an seinem neuen Standort

          Hierher waren nicht mehr nur alte Veteranen gekommen, sondern immer mehr auch jene, die dem Sowjetregime nachtrauerten und sogar Stalin-Bilder schwenkten. Für viele Esten, die das Kriegerdenkmal ohnehin als Symbol der sowjetischen Okkupation ansehen, war schließlich das Maß voll. Das Mahnmal musste aus der Innenstadt weg.

          9. Mai der Tag der sowjetischen Siegesfeiern

          Am 8. Mai legte Ministerpräsident Ansip am neuen Standort des „Bronzesoldaten“ einen Kranz nieder. Erstmals seit der Wiedergewinnung der Unabhängigkeit im August 1991 ehrte damit das offizielle Tallinn das sowjetische Denkmal. Diese Geste mag zur Beruhigung der vielen Russen beigetragen haben, die dann - wie auch der russische Botschafter - am Mittwoch auf den Friedhof pilgerten und dort Blumen niederlegten. Die Ansprache des Botschafters schien gemäßigt: Er dankte den Menschen, die zum Denkmal kamen. Zu der Zeremonie am 8. Mai aber, zu der das diplomatische Korps geladen war, hatte er nicht kommen wollen.

          Der 8. Mai ist in Westeuropa der Tag des Kriegsendes. Die nachgeholte Kapitulation im sowjetischen Hauptquartier am 9. Mai aber ist der Tag der sowjetischen Siegesfeiern. Mit dem sowjetischen Sieg aber hat Estland ein Problem: Für die Esten war es kein Tag der Befreiung. Mit dem Einmarsch der Roten Armee im Spätsommer 1944 begann die „zweite sowjetische Okkupation“. Erstmals war das Land 1940 nach dem Hitler-Stalin-Pakt besetzt worden, von 1941 bis 1944 war es von den Deutschen besetzt.

          Mehr als 100.000 Menschen waren zwangsrekrutiert

          Die zweifache Besetzung hatte zur Folge, dass die Esten, deren Land zum Schlachtfeld wurde, sowohl von den Sowjets als auch von den Deutschen zum Kriegsdienst an ihrer Seite gezwungen worden waren. Mehr als 100.000 Menschen, etwa zehn Prozent der Bevölkerung, waren zwangsrekrutiert worden. 1940 war fast das gesamte estnische Offizierskorps von der Sowjetmacht ermordet worden. Mehrere zehntausend Esten wurden schon 1940 als Zwangsarbeiter nach Sibirien verschleppt.

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