https://www.faz.net/-gpf-11e6f

Eskalation in Nahost : Hamas-Chef Meschal ruft zu neuer Intifada auf

  • Aktualisiert am

Im arabischen Teil Jerusalems greifen Palästinenser israelische Soldaten mit Steinen an Bild: REUTERS

Der Anführer der radikalislamischen Hamas, Khaled Meschal, hat die Palästinenser im Fernsehen zu Selbstmordattentaten gegen Israel ermutigt. Damit dreht sich die Spirale der Gewalt weiter, nachdem das israelische Militär den Gazastreifen bombardiert und etwa 200 Menschen getötet hatte. Im Westjordanland kam es zu Ausschreitungen.

          3 Min.

          Der im Exil lebende Anführer der radikalislamischen Hamas, Khaled Meschal, hat die Palästinenser am Samstag zu einer neuen Intifada gegen Israel aufgerufen. In einem Interview mit dem Fernsehsender Al Dschazira ermutigte er die Palästinenser zu Selbstmordattentaten.

          Schon unmittelbar nach den Luftangriffen hatte Hamas-Sprecher Fausi Barhum angekündigt, dass Israel für das „Blutbad“ einen hohen Preis zahlen werde. Er forderte den militanten Flügel der Hamas dazu auf, Raketen mit der größten Reichweite auf Israel abzufeuern. Der Chef der Hamas-Regierung im Gazastreifen, Ismail Hanijah, sagte im Fernsehen, seine Bewegung werde sich nicht geschlagen geben, selbst wenn der Gazastreifen „vernichtet“ werde.

          Proteste im Westjordanland

          Am Samstag feuerten radikale Palästinenser nach Angaben der israelischen Armee mehr als 50 Raketen und Mörsergranaten auf den Süden Israels ab. Ein Israeli wurde getötet, als ein Geschoss in einem Haus in der Ortschaft Netivot einschlug. Im Westjordanland kam es zu einer Welle von Protesten: In Ramallah sowie in Hebron warfen palästinensische Jugendliche am Samstag mit Steinen auf israelische Kontrollpunkte und Soldaten. In Bethlehem, wo nach christlichem Glauben Jesus geboren wurde, schaltete die Stadtverwaltung als Zeichen der Solidarität mit den Bewohnern des Gazastreifens die Weihnachtsbeleuchtung ab. Die palästinensische Polizei war an vielen Orten im Einsatz, um aufgebrachte Jugendliche in Schach zu halten.

          Zu Straßenschlachten kam es auch in Hebron

          Der palästinensische Präsident Mahmud Abbas, der sich am Samstag auf Reisen befand, rief die Demonstranten zur Zurückhaltung auf. Man werde keine gewaltsamen Ausschreitungen dulden. Ein Vertrauter von Abbas, Nimer Hamad, gab der Hamas zumindest indirekt eine Mitschuld an der Offensive. Die Raketenangriffe auf Israel seien sinnlos, sagte Hamad. Man dürfe Israel keinen Vorwand für Militäraktionen liefern. Zugleich rief Hamad Israel zur Einstellung der Luftangriffe auf.

          Israelische Kampfflugzeuge hatten in einer massiven Angriffswelle seit Samstagmorgen die Sicherheitseinrichtungen der Hamas zerstört. Dabei wurden etwa 200 Menschen getötet und etwa 700 verletzt. Das soll die höchste Zahl von Toten sein, die es auf der Seite der Palästinenser jemals seit Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 binnen eines Tages gegeben hat. Israels Angriff war eine angekündigte Reaktion auf den seit Tagen anhaltenden Beschuss israelischer Städte und Dörfer durch palästinensische Extremisten aus dem Gazastreifen heraus.

          Auch am Samstagabend setzte die israelische Luftwaffen ihre Angriffe fort. Dabei wurden in der Stadt Dschabalia nach palästinensischen Angaben ein militanter Palästinenser getötet. Bei einem weiteren Angriff auf Gaza-Stadt kamen zwei Militante ums Leben. Zuvor hatten Kampfflugzeuge eine Waffenfabrik sowie ein Medienzentrum der radikal-islamischen Hamas in der Nähe von Chan Junis im südlichen Gazastreifen beschossen.

          Solana: „nicht hinnehmbares Leid“

          Der Hohe Vertreter der EU für die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik, Javier Solana, verurteilte die israelischen Luftangriffe im Gazastreifen scharf. Sie führten „zu einem nicht hinnehmbaren Leid für palästinensische Zivilisten und werden die humanitäre Lage nur verschlechtern und die Suche nach einer friedlichen Lösung des Problems nur erschweren“, erklärte Solana am Samstagabend in Brüssel. „Es gibt im Gazastreifen keine militärische Lösung“, heißt es in seiner Stellungnahme.

          Solana verurteilte gleichwohl auch die Raketenangriffe gegen Israel. Er kondolierte den Familien aller Opfer der Kampfhandlungen und rief die Konfliktparteien dazu auf, sich wieder an den von Ägypten vermittelten Waffenstillstand zu halten. Die EU sei dazu bereit, ihre Beobachterrolle am Grenzübergang Rafah zwischen Ägypten und dem Gazastreifen wieder aufzunehmen, teilte Solana mit.

          Die Vereinigten Staaten machten allein die radikalislamische Palästinenserbewegung Hamas für die Eskalation der Gewalt verantwortlich. Die Hamas habe den Waffenstillstand aufgekündigt und sei deshalb verantwortlich für die tödliche Gewalt im Gazastreifen, sagte die amerikanische Außenministerin Condoleezza Rice am Samstag in Washington. Die Waffenruhe, die die Hamas vergangene Woche nach sechs Monaten einseitig für beendet erklärt hatte, müsse „umgehend wiederhergestellt werden“, forderte Rice.

          Olmert: Einsatz könnte längere Zeit andauern

          „Wir haben der Hamas den Krieg erklärt“, sagte der israelische Ministerpräsident Ehud Olmert. Der Einsatz des Militärs „könnte einige Zeit dauern, und jeder einzelne von uns muss Geduld haben, damit wir den Einsatz beenden können“. Es sei möglich, dass der Raketenbeschuss von palästinensischem Gebiet auf Israel noch zunehmen werde und die Raketen zudem mehr Reichweite hätten als bislang gekannt.

          Nach Angaben aus israelischen Militärkreisen ist die Regierung auch zum Einsatz von Bodentruppen im Gazastreifen bereit. Demnach gibt es für den Militäreinsatz auch keine zeitliche Begrenzung. Die Angriffe könnten Tage oder Monate dauern, hieß es. Alles hänge vom Verhalten der Hamas ab.

          Weitere Themen

          Schwere Ausschreitungen in Barcelona

          Spanien : Schwere Ausschreitungen in Barcelona

          Nach einem Urteil gegen katalanische Unabhängigkeitskämpfer ist es in Barcelona abermals zu Protesten gekommen. Demonstranten setzten Autors in Brand.

          Topmeldungen

          Donald Trump und Liu He, Vizepremier von China, gemeinsam in Washington. Infolge des Handelskriegs mit Amerika habe die Korruption in Chinas Privatwirtschaft wieder zugenommen, berichtet Philipp Senff von der Wirtschaftsanwaltskanzlei CMS in Schanghai.

          Vorfälle der Deutschen Bank : In China lauert die Korruption bis heute

          Mit teuren Geschenken an chinesische Politiker wollte sich die Deutsche Bank Vorteile verschaffen. Der Fall lenkt den Blick auf ein Land, das trotz Mühen immer noch unter Bestechung leidet – auch wegen des Handelskriegs mit Amerika.
          Andreas Scheuer am Mittwoch in Berlin

          Verkehrsminister Scheuer : Im Porsche durch die Politik

          Verkehrsminister Andreas Scheuer hat einen Vorteil, der ihm beim Streit über die Pkw-Maut zum Nachteil gereichen könnte: eine gewisse Lockerheit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.