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Eskalation in Hongkong : Jagdszenen auf dem Campus

Auch am Mittwoch kam es in Hongkong zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei Bild: Reuters

Die Universitäten in Hongkong geraten zum Kampfgebiet. Das stellt die Hochschulleitungen vor eine Zerreißprobe. Sollen sie sich hinter ihre Studenten stellen? Oder auf die Seite der Polizei?

          3 Min.

          Die chinesische Parteizeitung „Global Times” rief den Mittwoch zum „Tag der Flucht“ aus. Hunderte Studenten vom chinesischen Festland seien gezwungen, aus Hongkong zu „fliehen“, nachdem sich der Campus der Chinese University über Nacht in ein Kriegsgebiet verwandelt habe, schrieb die Zeitung. Die Jugendliga der Kommunistischen Partei im benachbarten Shenzhen bot verunsicherten Studenten aus Hongkong kostenlose Unterkunft für sieben Tage an. Und der Peking-treue Hongkonger Abgeordnete Junius Ho kündigte an, einen Fahrtdienst für solche Studenten zu organisieren.       

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Zehn bis 15 Prozent der Studenten an Hongkonger Universitäten kommen vom Festland. In der Tat sind viele von ihnen angesichts der Gewalteskalation der vergangenen Tage verängstigt. Die meisten von ihnen haben im Internet jenes Video gesehen, in dem zu sehen ist, wie ein Mann nach einem Streit mit einer Gruppe von Demonstranten mit brennbarer Flüssigkeit übergossen und angezündet wird. Zuvor hatte er ihnen zugerufen: „Wir sind alle Chinesen“.

          Etwa 20 ihrer Kommilitonen seien inzwischen aus Hongkong abgereist, berichtet eine Studentin der Baptist University dieser Zeitung am Telefon. Viele seien von ihren besorgten Eltern dazu gedrängt worden. Die junge Frau selbst stammt aus der Provinz Hunan und würde am liebsten auch wegfahren, doch wegen anstehender Abgabetermine für Seminararbeiten habe sie sich entschieden zu bleiben. Wohl ist ihr nicht dabei. „Ich kann nicht meine Meinung sagen, weil sie mich sonst angreifen könnten“, sagt sie und verweist auf jenes Video. „Nachdem ich das gesehen habe, hat sich alles in meinem Herzen verändert.“ Persönlich haben sie oder ihre Freunde bisher noch keine Gewalt erlebt. Aber der Vandalismus macht sie wütend. „Ich hasse, was sie tun“, sagt sie. Mit „sie“ meint die Studentin jene radikalen Aktivisten, die in den vergangenen zwei Tagen Steine und Gegenstände auf Straßen und Gleise geworfen haben, um den Verkehr in der Stadt zum Stillstand zu bringen. Die Aktivisten, die am Dienstag Barrikaden, einen Weihnachtsbaum und Fahrzeuge in Brand gesetzt und sich mit der Polizei Straßenschlachten geliefert haben. Auch unter den Hongkonger Studenten gibt es sicher viele, die damit nicht einverstanden sind. Dennoch haben die jüngsten Ereignisse den Graben zwischen ihnen und vielen Studenten vom Festland tiefer werden lassen.

          Das ist allerdings nicht der Hauptgrund dafür, dass die stolzen Universitäten der Stadt in den vergangenen Tagen zum Kampfgebiet geworden sind. Obwohl die Proteste seit fünf Monaten andauern und rund ein Viertel der festgenommenen Aktivisten Studenten sind, war es auf den Campussen zunächst kaum zu Gewalt gekommen. Das änderte sich am Freitag vergangener Woche, nachdem bekannt wurde, dass ein Student der University of Science and Technology seinen Verletzungen erlegen war. Der 22 Jahre alte Alex Chow war aus bisher ungeklärten Gründen in einer Parkgarage mehrere Meter weit in die Tiefe gestürzt. In der Nähe war die Polizei mit Tränengas gegen Demonstranten vorgegangen. Die Aktivisten machen die Polizei für den Tod Alex Chows verantwortlich und betrachten ihn als das erste Todesopfer der Proteste.

          Die Trauer und Wut darüber entlud sich in Vandalismus, nachdem die Universitätsleitung der Forderung von Studenten nicht nachgekommen war, die Polizei für den Tod Chows zu verurteilen. Auch andere Hochschulen stehen vor dieser Zerreißprobe: Sowohl die Regierung als auch die an den Protesten beteiligten Studenten verlangen, dass sie sich klar auf ihre Seite stellen. Damit droht eine weitere Säule des gesellschaftlichen Zusammenhalts in Hongkong von Misstrauen und Lagerdenken zerrieben zu werden.

          Ausgeprägtes Verständnis von Unabhängigkeit

          Zur Eskalation beigetragen hat die Tatsache, dass die Polizei in den vergangenen Tagen in massiver Stärke auf dem Gelände der Hochschulen aufgetreten und dort gezielt Festnahmen vorgenommen hat. Aus Sicht der Studenten und vieler Dozenten hat sie damit seine rote Linie überschritten und gegen geltendes Recht verstoßen. Die Hongkonger Hochschulen haben ein ausgeprägtes Verständnis von Unabhängigkeit. Laut Vereinbarungen mit der Polizei darf diese nur dann den Campus betreten, wenn sie einen Haftbefehl vorweist, wenn sie auf einen Notruf reagiert oder wenn sie den begründeten Verdacht hat, dass sich auf dem Campus ein Täter aufhält. 

          Die stolzen Universitäten der Stadt sind in den vergangenen Tagen zum Kampfgebiet geworden.

          Am sichtbarsten entlud sich dieser Konflikt in der Nacht zum Mittwoch auf dem Campus der Chinese University, wo hunderte vermummter Studenten sich ebenso vielen Bereitschaftspolizisten entgegenstellten. Wie sehr die Lage eskaliert ist, zeigte sich am Abend als der Präsident der Universität, Rocky Tuan, versuchte, zwischen den verfeindeten Lagern zu vermitteln. Als er sich mit einer Gruppe von Mitarbeitern und Studenten den Reihen der Polizei näherte, wurde er aufgefordert, sich zurückzuziehen. „Provozieren Sie nicht die Polizei. Kommen Sie nicht her, den ihnen folgen Leute, die sie nicht kontrollieren können“, rief einer der Polizisten ihm über ein Megaphon zu. „Bitte gehen Sie sofort. Dies ist nicht die Zeit für Verhandlungen und Dialog.“

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