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Kämpfe in Nagornyj Karabach : Armenien und Aserbaidschan im Kriegszustand

  • Aktualisiert am

Ein Standbild aus einem Video des armenischen Verteidigungsministeriums soll zeigen, wie armenische Streitkräfte ein aserbaidschanisches Militärfahrzeug zerstören. Bild: AP/Armenisches Verteidigungsministerium/dpa

Ein lange wenig beachteter Konflikt bricht mit Gewalt wieder auf. UN-Generalsekretär Guterres schaltet sich ein, doch beide Seiten geben sich die Schuld an der Eskalation im Kaukasus.

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          UN-Generalsekretär António Guterres hat ein sofortiges Ende der Kämpfe um die Kaukasus-Region Nagornyj Karabach gefordert. Er sei „äußerst besorgt“ über das Wiederaufflammen des Konflikts zwischen Aserbaidschan und Armenien, erklärte Guterres am Sonntag in New York. Er forderte beide Seiten „dringend“ dazu auf, die Kampfhandlungen sofort zu beenden, die Spannungen abzubauen und „unverzüglich“ Verhandlungen aufzunehmen.

          Die beiden ehemaligen Sowjetrepubliken Armenien und Aserbaidschan streiten seit Jahrzehnten um die in Aserbaidschan gelegene, mehrheitlich von Armeniern bewohnte Region Nagornyj Karabach. Am Sonntag war der militärische Konflikt nach Jahren relativer Ruhe wieder neu entbrannt. Die von Armenien kontrollierte Region mit geschätzt 145.000 Einwohnern gehört völkerrechtlich zum islamisch geprägten Aserbaidschan. Es handelt sich um die schwerste Eskalation seit Jahrzehnten.

          Es gilt der Kriegszustand

          Nach den schweren Kämpfen mit zahlreichen Toten und Verletzten gilt in den verfeindeten Nachbarländern der Kriegszustand. In Aserbaidschan trat gemäß einer Entscheidung von Staatschef Ilham Aliyev in der Nacht auf Montag der Kriegszustand in Kraft. In Aserbaidschan soll es in einigen Landesteilen abends Ausgangssperren geben. In Armenien mobilisierte Regierungschef Nikol Paschinjan in Eriwan bereits am Sonntag die Bevölkerung und verhängte im ganzen Land den Kriegszustand.

          Zuvor hatte Aserbaidschan am Sonntag eine Militäroperation gegen Nagornyj Karabach begonnen und eroberte mehrere Dörfer. Nagornyj Karabachs Hauptstadt Stepanakert sei beschossen worden, hieß es. Paschinjan wertete die Gefechte als Kriegserklärung gegen sein Volk.

          Bild: F.A.Z.

          In der Nacht zum Montag habe es abermals „intensive Kämpfe“ gegeben, teilte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums in Eriwan mit. Nach offiziellen Angaben aus Nagornyj Karabach wurden mehr als 30 pro-armenische Kämpfer getötet. Unterdessen behauptete Armenien, 200 Soldaten seien auf der gegnerischen Seite getötet worden. Das bestätigte Baku jedoch nicht. Unter den Opfern sind nach Angaben des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz auch Zivilisten.

          Gegenseitige Anschuldigungen

          Beide Seiten gaben sich gegenseitig die Schuld für die Gefechte. Armenien behauptete am Sonntagabend, die Türkei habe Aserbaidschan unterstützt. Das Verteidigungsministerium in Eriwan habe Informationen dazu, dass etwa türkische Waffen zum Einsatz gekommen seien. Regierungschef Paschinjan betonte bei einem Telefonat mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron auch, die Türkei verhalte sich sehr aggressiv. Ankara müsse abgehalten werden, sich in diesen Konflikt einzumischen. Eine Reaktion aus der Türkei gab es bislang nicht.

          Die EU, Deutschland und auch Russland riefen die Konfliktparteien auf, die Kämpfe sofort einzustellen und an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) betonte, die OSZE-Minsk-Gruppe mit ihren drei Co-Vorsitzenden Frankreich, Russland und den Vereinigten Staaten stehe für Verhandlungen bereit. Die OSZE ist die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Iran, der gute Beziehungen zu beiden Ländern hat, bot sich ebenfalls als Vermittler an.

          Auch Amerikas Regierung forderte ein Ende der Kämpfe. Das Außenministerium in Washington nahm nach eigenen Angaben zu beiden Seiten Kontakt auf und forderte die Konfliktparteien dazu auf, die Kampfhandlungen sofort einzustellen, existierende Kommunikationskanäle zu nutzen, um eine weitere Eskalation des Konflikts zu verhindern, und auf „nicht hilfreiche“ Worte und Taten zu verzichten.

          Langer Konflikt

          Aserbaidschan hatte in einem Krieg nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Kontrolle über das von christlichen Karabach-Armeniern bewohnte Gebiet verloren. Seit 1994 gilt in der Region eine Waffenruhe, die aber immer wieder gebrochen wurde. Zuletzt flammte der Konflikt 2016 stark auf – es starben mehr als 120 Menschen.

          Das völlig verarmte Armenien setzt auf Russland als Schutzmacht, das dort Tausende Soldaten und Waffen stationiert hat. Das öl- und gasreiche Aserbaidschan hat die Türkei als verbündeten Bruderstaat.

          Das Auswärtige Amt riet von Reisen in die Region ab. „Von Reisen in die Nähe der Line of Contact um Bergkarabach und den besetzten Gebieten sowie in das gesamte Grenzgebiet zu Armenien wird dringend abgeraten“, hieß es am frühen Sonntagabend in den Reise- und Sicherheitshinweisen. Dasselbe gilt demnach für Reisen in das gesamte Grenzgebiet auf armenischer Seite. Die Einreise nach Nagornyj Karabach ohne eine entsprechende aserbaidschanische Erlaubnis stelle nach aserbaidschanischem Recht einen Straftatbestand dar, heißt es zudem.

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